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Ertrags- und Wertsicherungsstrategien defensiv positionieren - Schluss mit 60/40


23.09.21 14:30
Neuberger Berman

New York (www.fondscheck.de) - Erik Knutzen, CIO Multi-Asset Class bei Neuberger Berman, sieht angesichts der schwer überschaubaren Entwicklungen am Kapitalmarkt und in der Realwirtschaft die Zeit gekommen, Ertrags- und Wertsicherungsstrategien defensiv zu positionieren.

In seinem Kommentar erläutere er, welche Diversifikationsstrategie Neuberger Berman als wirkungsvoll erachte.

Erstmals seit fast einem Jahr habe die US-Inflation letzte Woche unter den Erwartungen gelegen. Enttäuschend gewesen sei auch der jüngste Arbeitsmarktbericht und auch andere Zahlen würden ebenfalls für eine schwächere Dynamik sprechen.

Hinzu komme, dass Geld- und Fiskalpolitik weniger expansiv würden. Beiderseits des Atlantiks stehe das Tapering der Wertpapierkäufe unmittelbar bevor und die Diskussion bei den Demokraten spreche dafür, dass die amerikanische Fiskalpolitik zumindest etwas gestrafft werden könnte.

Die Delta-Variante und die Lieferengpässe hätten ihren Teil zu den schwächeren Zahlen beigetragen. Eine Rolle spiele aber auch, dass die Wirtschaftserholung zu Ende gehe und sich die Konjunktur normalisiere. Das Wachstum möge nachlassen, komme aber nicht zum Stillstand. Entscheidend sei, wie stark es zurückgehe und inwieweit das bereits in den Kursen berücksichtigt sei. Da darüber hinaus die langfristige Entwicklung höchst ungewiss sei, Aktien teuer seien und sich die Anleihen-Renditen auf Rekordtiefs befänden, könnten niedrigere Erträge drohen - bei hoher Volatilität und einer überdurchschnittlichen Korrelation von Aktien und Anleihen.

Was bedeute das für die Asset-Allokation? Über 60 Prozent der Teilnehmer eines Neuberger Berman Kunden-Webinars hätten vergangene Woche damit gerechnet, dass Aktien in den nächsten zehn Jahren volatiler sein würden als in den zehn Jahren zuvor. Je nach Assetklasse hätten zudem 15 bis 40 Prozent der Teilnehmer angegeben, anstelle klassischer Staatsanleihen auch unterschiedliche alternative Anlagen in Betracht zu ziehen. An der Spitze hätten Private Assets und Liquid Alternatives gestanden. Den Investoren sei aber bewusst, dass es keinen Königsweg gebe.

Letztlich stehe Neuberger Berman vor zwei Aufgaben: Erstens wolle der Vermögensverwalter mit risikobehafteten Titeln Gewinne erzielen, es aufgrund des drohenden Volatilitätsanstiegs aber gleichzeitig nicht übertreiben. Hier seien "defensive Ertragsstrategien" gefragt. Zweitens möchten sie Portfoliorisiken verringern, ohne in überteuerte Staatsanleihen zu investieren. Das erfordere "defensive Wertsicherungsstrategien".

Für defensive Ertragsstrategien würden sich Aktien, Anleihen und alternative Anlagen eignen. Bei Aktien könne eine höhere Gewichtung von Qualitätstiteln helfen, vor allem, wenn sie von langfristigen Wachstumsthemen profitieren könnten. Nach einem Jahr Mehrertrag von Substanzwerten und Zyklikern spreche jetzt viel für Qualitätsaktien. Wer sich eine längere Kapitalbindung leisten könne, könne auch auf nicht börsennotierte Titel setzen.

Auch bei Anleihen seien defensive Ertragsstrategien möglich. Hier lasse sich das Kreditrisiko erhöhen, vor allem mit kürzer laufenden High-Yield-Anleihen. Ihre Spreads seien im Vergangenheitsvergleich zwar eng, doch halte man sie bei Neuberger Berman wegen der niedrigen Ausfallquotenerwartungen trotz allem für angemessen. Höhere Renditen würden auch Titel aus Ländern bieten, die zusätzlich von der Flucht in die Qualität profitieren würden. Ein Beispiel seien chinesische Onshore-Staatsanleihen.

Bei alternativen Anlagen könnten sich klassische Hedgefonds-Strategien anbieten, die zwar positiv, aber nicht sehr stark mit Aktien korreliert seien. Gute Beispiele seien Long/Short Equity, Long/Short Credit, Event-driven, Distressed und Special Situations. Um aus der Aktienmarktvolatilität eine dauerhafte und vergleichsweise stabile Ertragsquelle zu machen, biete sich der Verkauf gedeckter Puts auf den Aktienindex an - was das Auf und Ab der Märkte etwas abmildere. Hinzu kämen strukturell unkorrelierte Titel, etwa Insurance-linked Securities, auch bekannt als Katastrophenanleihen.

Ähnlich vielfältig könnten defensive Wertsicherungsstrategien sein. Im Aktienbereich könne marktneutral in Qualität investiert werden, indem eine Long-Position in Qualitätsaktien mit einer Short-Position in Aktien geringerer Qualität kombiniert werde. Bei einem Ausverkauf mit einer Flucht in die Qualität führe dies voraussichtlich zu Ertrag.

Im Anleihenbereich könne anstelle einer einfachen Long-Position in klassischen Staatsanleihen mit einer Long/Short-Strategie auf eine Abflachung der Zinsstrukturkurve gesetzt werden. Auch das würde sich bei einer Flucht in die Qualität auszahlen und zugleich das Verlustrisiko bei einem generellen Renditeanstieg mindern. Gerade jetzt sei das wegen der extrem niedrigen Kurzfristzinsen interessant.

Bei alternativen Anlagen könnten sich Hedgefonds-Strategien anbieten, die bei Ausverkäufen am Aktienmarkt bislang meist stabil gewesen seien oder sogar im Plus gelegen hätten. Beispiele seien Equity Market-neutral, Short-term Trading, Systematic Trend-following und Global Macro.

Optionsstrategien, die auf fallende Kurse setzen würden - etwa der Kauf (und nicht der Verkauf) von Put-Optionen - seien bei ausgeprägten Korrekturen meist recht nützlich. Sie könnten aber teuer werden, wenn die Aktienkurse steigen oder sich seitwärts bewegen würden. Sinnvoller könnte ein defensiver Ansatz sein, der diese Schwächen nicht habe.

Ein Portfolio mit solchen Strategien unterscheide sich in zweierlei Hinsicht von einem klassischen 60/40-Ansatz: Es investiere in zusätzliche Assetklassen und sei bei Aktien und Anleihen innovativer und aktiver. Vielleicht verzichte man bei einer sehr guten Marktentwicklung auf Ertrag. Zugleich setze man aber auf Wachstum, ohne bei der Diversifikation und dem Schutz vor Verlusten zu stark auf die schon jetzt sehr niedrig verzinslichen Staatsanleihen angewiesen zu sein.

Die Experten von Neuberger Berman würden dies für eine kluge Diversifikationsstrategie halten, die ihrem Namen alle Ehre mache - geeignet für einen schon weiter fortgeschrittenen Konjunkturzyklus bei einer ungewöhnlich hohen Ungewissheit. (23.09.2021/fc/n/s)