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Boom im Verarbeitenden Gewerbe Verfallsdatum fast erreicht


24.08.11 11:01
Deutsche Bank Research

Frankfurt (aktiencheck.de AG) - Das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland hat während der Wirtschafts- und Finanzkrise starke Einbußen erlitten, sich aber seit Mitte 2009 deutlich erholt, so die Analysten von Deutsche Bank Research.

Im zweiten Quartal 2011 hätten die Produktionszahlen fast wieder auf Vorkrisenniveau gelegen. Angesichts der Verlangsamung der Weltkonjunktur würden die Analysten jetzt allerdings mit einem signifikanten Rückgang der Wachstumsraten in der deutschen Industrie rechnen. Für die Analyse der am stärksten betroffenen Branchen hätten sie drei wichtige Indikatoren herangezogen.

Nach der schweren Rezession habe das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland dank weltweit umfangreicher monetärer und fiskalpolitischer Impulse in den letzten acht Quartalen rasch wieder ein Produktionsplus verzeichnen können: Im Jahr 2010 sei die Produktion um mehr als 10% gewachsen und in den ersten sechs Monaten des Jahres 2011 habe die Produktion um 12% über dem Vorjahresniveau gelegen - wobei lediglich ein Drittel dem statistischen Überhang geschuldet gewesen sei. Zwar seien die jüngsten Produktionszahlen nach wie vor solide und die Auftragsbücher seien gefüllt - insbesondere im internationalen Geschäft -, gleichwohl stelle diese positive Entwicklung eher einen Blick in den Rückspiegel dar und bilde noch nicht die jüngsten Turbulenzen ab, geschweige denn die wachsende Angst vor global schwächerem Wirtschaftswachstum.

In der vergangenen Woche habe die Deutsche Bank ihre Wachstumsprognose für die Eurozone - einschließlich Deutschland - für 2012 um die Hälfte nach unten korrigiert. Auch die Aussichten für die USA hätten sich eingetrübt und selbst für China werde eine leichte Wachstumsverlangsamung erwartet. Dies werde sich in den kommenden Quartalen negativ auf das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland auswirken, wobei nicht alle Branchen gleich stark betroffen sein würden.

Um beurteilen zu können, welche Branchen für einen drastischen Rückgang oder sogar eine Rezession anfälliger seien, würden die Analysten drei Indikatoren untersuchen: erstens, einen Nachfrageimpulsindikator, den sie im vergangenen Jahr entwickelt hätten und der die Wachstumsraten der branchenspezifischen Absatzländer in eine einzelne Zahl übersetze. Zweitens würden sie die durchschnittliche Volatilität der Produktion analysieren und drittens, wie weit sich die Branche im letzten Aufschwung bereits erholt habe.

Der Nachfrageimpulsindikator verbinde die Exportstruktur einer Branche mit den spezifischen Wachstumsraten der Zielländer. Man könnte ihn daher auch als branchenspezifischen, globalen Nachfrageindikator bezeichnen. Die jüngsten Abwärtsrevisionen der Wachstumsprognosen der Deutschen Bank für 2012 seien besonders kräftig für die Euroländer (einschließlich Deutschland) wie auch die USA ausgefallen. Dieser Indikator deute auf eine signifikante Verlangsamung des Produktionswachstums in allen Branchen des Verarbeitenden Gewerbes hin. Allerdings hätten sich die Aussichten insbesondere für jene Branchen mit nur geringem Engagement in Schwellenländern, vor allem in China, besonders stark verschlechtert, da die Abwärtsrevisionen für die Schwellenländer geringer ausgefallen seien als jene für die Industrieländer.

Der Nachfrageimpulsindikator sinke daher am stärksten für die Metallverarbeitung, für Pharma und für die Nahrungsmittelproduktion, wohingegen der Rückgang in der Automobilindustrie und im Maschinenbau deutlich geringer ausfalle. Da sich auch für Deutschland die Wachstumsaussichten eingetrübt hätten, dürften Konsumgüter nicht vom Abwärtsdruck verschont bleiben. Tatsächlich zeige der Indikator für die meisten Sektoren einen Rückgang auf das niedrige Niveau des Jahres 2005. Dies deute auf einen Produktionszuwachs von weniger als 3% für das Verarbeitende Gewerbe insgesamt hin und könnte sogar eine milde, technische Rezession im Verlauf des Jahres 2012 bedeuten.

Natürlich seien einige Branchen weniger volatil als andere, sodass ein Rückgang des Nachfrageimpulsindikators für das Nahrungsgewerbe oder die Pharmaindustrie deutlich geringere Implikationen habe als für volatilere Sektoren wie die Metallverarbeitende Industrie oder die Elektronikbranche. Die Standardabweichung der jährlichen Wachstumsraten der Nahrungsindustrie belaufe sich auf lediglich ein Fünftel des vergleichbaren Wertes für die Metallverarbeitende Industrie. Daher würden ähnlich hohe Werte beim Nachfrageimpulsindikator ein erheblich höheres Risiko für die Metallindustrie als für die Nahrungs- bzw. die Pharmaindustrie bedeuten.

Schließlich sei es sinnvoll, die spezifische Position der Branche innerhalb des aktuellen Zyklus zu untersuchen, d. h. wie viel des letzten rezessionsbedingten Produktionsverlustes während des letzten Aufschwungs wieder habe aufgeholt werden können. Branchen, die ihre Vorkrisenniveaus noch nicht wieder erreicht hätten, könnten von der erwarteten Wachstumsverlangsamung weniger betroffen sein, als jene Branchen, die bereits über das Vorkrisenniveau hinausgewachsen seien. Dieser Indikator deute auf potenzielle Risiken in der Pharmaindustrie sowie der Automobilindustrie hin, wobei er natürlich schwieriger zu interpretieren sei als die beiden anderen Indikatoren, da er keine Aussage über angemessene Produktionsniveaus mache.

Alles in allem würden die jüngsten Revisionen der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsprognosen einen kräftigen Rückgang des Produktionsanstiegs im Verarbeitenden Gewerbe erwarten lassen. Während die Analysten nach wie vor von einem Produktionszuwachs von nahezu 10% für 2011 ausgehen würden, deute die eingetrübte Prognose für die Weltkonjunktur auf lediglich 3% Produktionszuwachs im deutschen Verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2012 hin - im günstigen Falle.

Die anfälligsten Branchen seien nach Erachten der Analysten die Metallverarbeitende Industrie, die Metallerzeugung-, die Gummi- und Kunststoffindustrie sowie, zu einem geringeren Grad, die Autoindustrie und die Elektronikbranche. Während die gute Nachricht unter all den schlechten sein könnte, dass eine Rezession noch nicht in Sicht sei, sollte betont werden, dass sich dies nur auf Jahresdurchschnittswerte beziehe. Diese könnten aber wegen eines statistischen Überhangs den Verlauf überzeichnen. (24.08.2011/ac/a/m)