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Eurozone Beginn der entscheidenden Phase - jetzt geht es um alles


15.07.11 12:25
Vontobel Asset Management

Frankfurt (aktiencheck.de AG) - Mit dem Überschwappen auf Spanien und insbesondere Italien dürfte die Eurokrise in die entscheidende Phase eingetreten sein, so die Experten Vontobel Asset Management.

Kurzfristig sei es wichtig, dass der Trend zu höheren Zinsen in Italien und Spanien eingedämmt werde, damit die Refinanzierung dieser Länder zu vertretbaren Kosten gewährleistet bleibe. Solle der Euro nicht in seiner Existenz gefährdet werden, müsse endlich eine Quasi-Fiskalunion eingeführt werden.

Am vergangenen Montag seien die Zinsen Italiens und Spaniens stark angestiegen. Gründe hierfür seien neben einer negativen kurzfristigen Einschätzung des Ratings durch Moody's auch das politische Hickhack in Italien um den geplanten Sparkurs sowie gewisse Fragen hinsichtlich der Solidität der italienischen Wirtschaft gewesen. Dazu könne Folgendes festgehalten werden:

Italien habe nach Griechenland die höchste Staatsverschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euromitglieder. Seit der Euro-Einführung sei es Italien gelungen, die Staatsschuldenquote zwischen 100 und 120 Prozent zu halten, da es einen Primärüberschuss (Budgetüberschuss unter Ausklammerung der Zinszahlungen) erzielt habe. Bezüglich des Primärsaldos im Staatshaushalt stehe Italien besser da als Spanien, Portugal oder Griechenland, nur im Rezessionsjahr 2009 und im Folgejahr 2010 habe Italien ein kleines Primärdefizit ausgewiesen.

Dennoch sei Italien, aufgrund der hohen Schuldenquote und des geringen Wirtschaftswachstums (der Internationale Währungsfonds (IWF) veranschlage das Wirtschaftswachstum über die nächsten fünf Jahre nur auf 1,4 Prozent p.a.) bei einem Zinsanstieg sehr verletzlich. Zwischen 1999 und 2010 sei das kein Problem gewesen, denn der durchschnittliche Zinssatz auf die Staatsschuld sei niedrig gewesen und sogar zurückgegangen.

Allerdings bedeute bei einer so hohen Staatsverschuldungsquote ein Anstieg des durchschnittlichen Zinssatzes auf die Staatsschuld um einen Prozentpunkt bereits einen Anstieg des Budgetdefizits um 1,2 Prozentpunkte. Die Schuldenquote gerate dann außer Kontrolle. Es sei deshalb unabdingbar, dass die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen von Italien und Spanien nicht stark ansteigen würden und die Konsolidierungsanstrengungen der italienischen Regierung glaubwürdig bleiben würden.

Die Experten Vontobel Asset Management haben ihre Euro-Szenarien inhaltlich kaum verändert, haben aber die Wahrscheinlichkeiten sowie den möglichen Verlauf neu aufgeführt.

Die beiden Szenarien "Muddling Through" und "Eskalation" sind nur Übergangsszenarien, in denen wir uns in der kommenden Zeit abwechselnd bewegen dürften, so die Experten Vontobel Asset Management. Dauerhafte Zustände seien nur der "Euro-Kollaps" oder der "großer Wurf".

Die Analysten würden unverändert davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Auseinanderbrechens der Eurozone gering sei. Dies würde bedeuten, dass das Prestigeobjekt der EU, welches mit dem Werner Plan 1970 begonnen habe, aufgegeben würde. Solle der Euro aber erhalten bleiben, müssten die Verantwortlichen endlich der ökonomischen Realität ins Auge sehen: Für eine überlebensfähige Währungsunion seien ein teilweiser Verzicht der nationalen Fiskalsouveränität sowie gewisse Transferzahlungen unabdingbar. Dies würden erfolgreiche Währungsunionen wie der Schweizer Franken, der US-Dollar oder die Übernahme der D-Mark in Ostdeutschland zeigen.

Glaubwürdige Schritte zu einer Fiskalunion seien unter anderem: Verbindliche Budgetregeln, Schuldenbremsen und die Einführung gemeinschaftlicher Eurobonds wie dies Jean-Claude Juncker und Giulio Tremonti letztes Jahr vorgeschlagen hätten. Es sei zu befürchten, dass diese nachhaltigen Maßnahmen nicht freiwillig, sondern nur unter größtem Druck der Märkte eingeführt würden. Sollten die Politiker aber selbst dann nicht zu den notwendigen Maßnahmen bereit sein, wird sich der Euro, so wie wir ihn heute kennen, in die lange Liste der gescheiterten Währungsunionen einreihen, so die Experten Vontobel Asset Management. Noch sei es nicht soweit, aber die Märkte würden der Politik nicht mehr allzu viel Zeit lassen. (15.07.2011/ac/a/m)