Erweiterte Funktionen

Internationale Kapitalmärkte im Überblick


16.09.11 09:46
Weberbank

Berlin (aktiencheck.de AG) - An den Kapitalmärkten tobt weiterhin ein heftiger Sturm, so die Analysten der Weberbank.

Ausufernde Staatsschulden, Abschreibungsbedarf in europäischen Bankbilanzen und eine sich abflachende Weltkonjunktur würden für ein Dauertiefdruckgebiet sorgen. Für sich allein genommen seien die Zahlen aus der Realwirtschaft bisher aber noch nicht besorgniserregend. Zwar werde eine abnehmende Konjunkturdynamik sichtbar, Rezessionsniveaus seien jedoch noch nicht erreicht. So habe in den USA der Einkaufsmanagerindex für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe, das 75% der US-Wirtschaftsleistung ausmache, zuletzt sogar wieder zulegen können. Das Niveau und die Richtung des Indikators würden somit auf eine weiterhin positive Wirtschaftsentwicklung hindeuten.

In Europa hätten sich die wirtschaftlichen Divergenzen fortgesetzt. Während in Deutschland die Industrieproduktion noch einmal positiv habe überraschen können und sich die Wirtschaft solide entwickle, würden die Konjunkturindikatoren im übrigen Europa eine Wachstumseintrübung andeuten.

Brisanz erhalte die Konjunktursituation durch die Entwicklungen rund um das Thema europäische Schuldenkrise. Die Griechen würden kaum Fortschritte auf dem Konsolidierungskurs machen. Papiere zur Absicherung des griechischen Kreditrisikos würden mittlerweile eine 98% Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls einpreisen. Das strahle auf alle Gläubiger und Leidensgenossen wie Portugal, Spanien oder Italien ab, die im Verdacht stünden, mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Italien habe in dieser Woche für neue fünfjährige Staatsanleihen einen Zins von 5,60% zahlen müssen und damit so viel wie noch nie seit Bestehen der Eurozone.

Zu allem Übel fühle sich auch jeder Politiker berufen, medienwirksam seine Lösungsmöglichkeiten oder Eskalationsstufen der Schuldenkrise kundzutun. Auch die Diskussionen im Finanzbereich würden anhalten. Finanzexperten der EU-Staaten hätten jetzt in einer Analyse festgestellt, dass die Krise vom Anleihemarkt auf andere Marktsegmente übergesprungen sei und sich zu einer Kreditklemme entwickeln könnte. Banken würden dann die Wirtschaft nicht mehr mit ausreichend Kapital versorgen. Die Großwetterlage habe das Potenzial, sich durch Ansteckungseffekte von einem Sturm zu einem Orkan zu entwickeln, viel hänge von den Entscheidungen der Politik ab.

Der überraschende Rücktritt des Chefvolkswirtes der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, hinterlasse einen bitteren Nachgeschmack. Offiziell würden persönliche Gründe für den Schritt angeführt. Wie beim Rücktritt von Bundesbank-Präsident Axel Weber im Februar glaube jedoch so recht keiner daran. Mit Jürgen Stark scheide ein weiterer Befürworter der stabilitätsorientierten Geldpolitik nach dem Vorbild der Bundesbank aus dem Gremium der EZB. Der Währungsmarkt habe sofort reagiert, und der US-Dollar habe gegenüber dem Euro zulegen können. Sowohl aus charttechnischer Sicht als auch mangels absehbarer Rückgewinnung des Vertrauens in die Notenbank spreche vieles für eine Fortsetzung dieser Bewegung des Euro.

An den Rentenmärkten seien die Trends der letzten Wochen fortgesetzt worden. Deutsche Anleihen hätten gewonnen, südeuropäische Anleihen verloren. Die Fluchtbewegung in deutsche Titel habe dazu geführt, dass die Rendite zehnjähriger öffentlicher Anleihen kurzzeitig auf einen historischen Tiefstand von nur noch 1,68% gefallen sei. Die Umlaufrendite habe sogar bei 1,52% gelegen. Damit würden die Renditen nicht nur unterhalb der Inflationsrate, sondern auch der Inflationserwartungen notieren. Negative Realrenditen seien die Folge. In der Historie seien negative Realrenditen an Rentenmärkten immer ein kurzzeitiges Phänomen gewesen. Entweder seien die Inflationsraten in der Folge deutlich zurückgegangen oder die Renditen seien wieder angestiegen. Die Analysten der Weberbank rechnen mit einem mittelfristigen Anstieg der Renditen.

Die derzeit laufende Internationale Automobilausstellung in Frankfurt spiegele sehr schön den augenscheinlichen Widerspruch zwischen Realwirtschaft und Aktienmarkt wider. Unternehmen wie BMW (ISIN DE0005190003/ WKN 519000), Daimler (ISIN DE0007100000/ WKN 710000) & Co. würden Rekordabsatzzahlen melden, hohe Gewinne erwirtschaften und für das kommende Jahr weitere Zuwächse erwarten. Die Aktienkurse der Unternehmen hingegen hätten in den zurückliegenden Wochen Kursrückgänge von 30% und mehr hinnehmen müssen. Die Kurs/Gewinn-Verhältnisse würden mittlerweile im einstelligen Bereich liegen, und viele Titel würden in der Nähe ihres Buchwertes notieren. In einem normalen wirtschaftlichen Umfeld würde man von Einstiegsniveaus reden.

Leider befinden wir uns in einem sehr irrationalen Marktumfeld, und die Staatsschuldenkrise könnte über die Banken auf die Realwirtschaft übergreifen, so die Analysten der Weberbank. Vielen Markteilnehmern seien die Krisenjahre 2008 und 2009 noch in negativer Erinnerung. Entsprechend vorsichtig agiere die Mehrheit der Anleger. Die Analysten der Weberbank raten nach wie vor zu besonderer Vorsicht bei Finanzwerten und insgesamt zu einer defensiven Positionierung. Auf den erreichten Niveaus würden sie aber selektiv attraktive Kaufgelegenheiten finden.

Gold sei weiterhin ein sehr guter Indikator für die Nervosität und Verunsicherung der Investoren. Nach den starken Zuwächsen der zurückliegenden Monate habe der Goldpreis vorübergehend eine Verschnaufpause eingelegt. Rücksetzer seien nur von kurzer Dauer und würden sofort von Käufern zum Einstieg genutzt. Mittelfristig sehen die Analysten der Weberbank weiteres Potenzial. (16.09.2011/ac/a/m)