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Ist Fracking der neue Wirtschafts-Turbo in den USA?


12.03.14 11:33
Natixis Global AM

Paris (www.fondscheck.de) - Eine fortschrittlichere Technik bei der Horizontalbohrung und beim "Hydraulic Fracturing" (Fracking) haben den USA den Zugang zu großen, in Gestein verborgenen Gas- und Ölvorräten ermöglicht, so die Experten von Natixis Global AM.

Die Folge sei eine boomende US-Ölproduktion, die mittlerweile eine regelrechte Energierevolution ausgelöst habe. Die Regierungsbehörde "US Energy Information Administration" schätze, dass die USA bereits 2016 in der Lage sein würden, fast 10 Millionen Barrel täglich zu fördern - und sich damit den Fördermengen von Russland mit 10,5 Millionen Barrel und Saudi-Arabien anzunähern.

Laut den jüngst veröffentlichten Prognosen beim Energie-Ausblick der Regierungsagentur könnten sich die USA bis 2018 sogar zum Nettoexporteur von Erdgas entwickeln. Gleichzeitig dürften sich allerdings Nachfrageveränderungen auf die Ökonomien in China, Indien und Europa negativ auswirken.

Die Experten würden deshalb das Fracking und seine jeweiligen Auswirkungen unter die Lupe nehmen: auf das Wirtschaftswachstum in den USA, den Ölpreis, die globale Wirtschaft und die Anleger weltweit. Verschiedene Experten von Natixis Global Asset Management würden erläutern, was der durch diese Technologie generierte Energieboom bewirken könnte.

Dass Fracking die konventionelle Förderung von Erdgas unter Druck setze und damit auch indirekt den Ölpreis, sei längst unbestritten. Was viele Investoren aber beim Fracking nicht wissen würden, sei, dass es weniger um billiges Öl und Erdgas gehe, sondern um eine kostbare Ressource, das Wasser, eine durchaus interessante alternative Anlage.

Die Ausbeutung sogenannter unkonventioneller Gasvorkommen berge im Vergleich zur traditionellen Gasförderung zusätzliche Risiken. Dazu würden beispielsweise die Gefahr einer Verschmutzung des Grundwassers, das Problem des dadurch bedingten Wegfalls von Ackerflächen sowie eine stärkere Belastung des Klimas als bei einer konventionellen Gasförderung zählen. Diese Auswirkungen müssten von Fall zu Fall analysiert und bewertet werden.

Allerdings würden diese Risiken auch Chancen mit sich bringen, und zwar insbesondere für Unternehmen, die aktiv Lösungen zur Wasseraufbereitung entwickeln würden. Schließlich bestehe das größte operative Risiko bei der Ausbeutung von Gasschiefer-Vorkommen in der Schadstoffbelastung infolge des so genannten "Hydraulic Fracturing". Obwohl man diese Sicherheitsrisiken natürlich immer genau im Auge behalten müsse, scheine es unangemessen, deshalb den gesamten Sektor in Frage zu stellen.

Seit Jahrzehnten würden Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft auf die zunehmende Ölknappheit und ihre Folgen verweisen. Mit der neuen Fracking-Technologie würden sich jedoch für die USA, aber auch anderswo in der Welt, wesentlich größere Erdgas- und Ölreserven, als bisher vorstellbar eröffnen. Diese Vorräte würden für weitere etwa 30 bis 50 Jahre reichen. Es gebe eine endliche Menge an kohlebasierten Energievorräten unter der Erde. Dieser Zeitpunkt sei jedoch weiter in die Ferne gerückt.

Die neue Technologie habe kurzfristig die US-Konjunktur angekurbelt und damit Investmentmöglichkeiten vor allem auf dem Immobilienmarkt geschaffen. Diese neuen Ölvorräte hätten die Produktion in den USA bereits erhöht, was oft als "On-shoring" bezeichnet werde.

Viele Produktionsstätten, die zuvor aufgrund günstigerer Löhne nach Übersee ausgelagert worden seien, würden nun angesichts niedriger Kosten und eines regelrechten Energieüberflusses wieder zurückkehren. Wichtiger noch, die Produktion sei wieder näher am Markt und am Endverbraucher, dem US-Konsumenten.

Ein weiteres Thema sei die Schaffung von Lagerkapazitäten für diese neuen Energiemengen. Aktuell gebe es in den meisten Teilen der USA nicht genügend Lagerstätten für Erdgas. Das Gas werde direkt beim Austritt aus den Bohrlöchern regelrecht verbrannt, weil es nirgendwo gelagert werden könne.

Kapazitäten zur Aufbewahrung von Erdgas, sowie Pipelines müssten also für die kommenden Jahre dringend bereitgestellt werden. Darüber hinaus müsse an den Häfen die erforderliche Infrastruktur errichtet werden, damit das Öl nach Europa oder gar in den Asien-Pazifikraum exportiert werden könne. Die Experten interessiere dabei vor allem die Nachfrage bei kommerziell genutzten Flächen.

Gleichwohl generiere der Energieboom mehr Verwaltungsjobs. Insbesondere würden sich technologieorientierte Aufgaben im Energiesektor ergeben. Diese Entwicklung sei besonders in der Gegend um Houston und Dallas, Texas zu beobachten. In diesen Städten sei das derzeitige Wirtschaftswachstum beachtlich.

Der neu aufgeflammte Boom des Energiesektors wirke sich auch auf andere Bereiche aus. In Dallas beispielsweise, sei der auf Energiethemen ausgerichtete Finanzsektor sehr stark - in Houston dagegen Forschung, Design und Entwicklung von energierelevanten Geräten. Insgesamt dürfte die Energierevolution die Kostenstruktur von Unternehmen in den USA niedrig halten, was jeder Branche zugute kommen werde.

Es sei unbestritten, dass die Schiefergasrevolution in Nordamerika einen regelrechten Hype ausgelöst habe. Dennoch seien die Experten nicht davon überzeugt, dass dies weitreichende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben werde. Die Experten würden bereits seit 2000 eine ständig steigende Nachfrage nach Energie beobachten - vor allem seitdem die Schwellenländer zusätzliche Energiemengen für ihre wirtschaftliche Entwicklung benötigen würden.

Angeführt von China, dem Land mit dem zweitgrößten Anteil an der Weltwirtschaft, sei die Nachfrage nach Öl immens angestiegen. Dadurch seien die Ölpreise 2008 auf über 100 US-Dollar pro Barrel hochgetrieben worden. Das starke Wachstum der Schwellenländer habe somit enorme Änderungen in der Zusammensetzung des Welt-Bruttoinlandsproduktes mit sich gebracht.

Die Spannungen der Ölpreisdiskussion seien nach der Finanzkrise in den westlichen Ökonomien durch die Schiefergasrevolution allerdings abgeschwächt worden. Ohne dieses neue Angebot wären die Ölpreise vermutlich momentan höher, was sich nachteilig auf die ohnehin fragilen Ökonomien der Industrieländer ausgewirkt hätte.

Auf dem Weg der USA zur Unabhängigkeit bei der Energieversorgung würden auch geopolitische Themen eine große Rolle spielen. China habe längst Schritte zu einem offeneren Markt eingeleitet, unter anderem durch die Einführung des Yuan, einer konvertiblen Reservewährung. Das Land dürfte zudem in den kommenden Jahren auch seine Finanzmärkte für das Ausland öffnen. Damit dürfte China noch mächtiger im Wettbewerb mit den USA werden. Sollte dieses Szenario eintreffen, sei es für die USA von Vorteil, nicht von externen Energieressourcen abhängig zu sein.

Mit Russland als größtem Ölproduzenten und wichtigem Player im weltweiten Energiemarkt würden die weiteren Beziehungen zu den USA spannend bleiben. Solange das globale Wachstum von Energie abhängig sei, werde sich das Machtgleichgewicht ändern: Mit Hilfe der größeren Energieressourcen würden die USA auch weiterhin ein globaler Player bleiben. Die Experten würden jedoch warnen so zu tun, als ob die Ölressourcen unendlich seien. Im Sinne einer ökonomischen und geopolitischen Nachhaltigkeit würden die Experten deshalb unbedingt dazu raten, alternative, erneuerbare Energien in den Vordergrund zu stellen.

Die Experten würden für die kommenden Monate mit einem gleichbleibenden oder minimal sinkenden Ölpreis rechnen. Ein fallender Preis werde jedoch maßgeblich von Ländern wie Saudi Arabien abhängen, die einen Zielpreis pro Barrel hätten, um das Landesbudget auszugleichen. Sollte der Ölpreis längerfristig unter das derzeitige Maß von etwa 90 US-Dollar fallen, würde Saudi Arabien möglicherweise seine Produktion herunterfahren. Dann dürfte der Ölpreis wieder steigen.

Die Experten würden in absehbarer Zukunft eine starke Abhängigkeit des Ölpreises von der Erholung der globalen Wirtschaft beobachten. Da zunehmend Länder, die nicht zur OPEC gehören würden, am Ölmarkt beteiligt seien, werde sich der Preis in den nächsten Jahren zwischen 90 und 110 US-Dollar pro Barrel einpendeln.

Die US-Wirtschaft erhalte durch den neuen Öl- und Gasboom in mehrfacher Hinsicht Rückenwind. Es sei unbestritten ein großer Vorteil, wenn ein Land wie die USA Selbstversorger von Energie sei. Je weniger Energie importiert werden müsse, desto stärker würden die Nettoexporte zurückgehen.

Das US-Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde immens von dem weiteren Anstieg der Wirtschaftsaktivitäten profitieren: Diese würden vor allem die Förderung und Entwicklung von Öl- und Gasvorräten, sowie die Schaffung einer hierfür erforderlichen Infrastruktur betreffen. Diese müsse für den Bau von Pipelines und Bohrungen erst aufgebaut werden - all dies werde das BIP in den USA aus Sicht der Experten positiv beeinflussen.

Wenn der Energieboom die Konjunktur in den USA weiter antreibe, würden auch die nordamerikanischen Handelspartner wie Kanada und Mexiko davon profitieren. Die neue Regierung in Mexiko habe Steuerreformen angekündigt und plane das Ölmonopol aufzuheben. Die mexikanische Regierung habe zudem weitere Reformen auf den Weg gebracht.

Die Energiereform, die künftig auch private Investoren in diesem Sektor zulassen möchte, werde sich allerdings noch einige Jahre hinziehen. Mit diesem Ansatz möchte die Regierung ihre Energievorräte noch effizienter nutzen als bisher. Mit der Öffnung des Ölsektors in Mexiko dürfte der Erdgas- und Ölboom in den kommenden Jahren auch Mexiko erreichen. Dies wäre sehr vorteilhaft für das Wachstum der mexikanischen Wirtschaft, sowie für die Landeswährung Peso. (12.03.2014/fc/a/m)