Erweiterte Funktionen

Kollektiver Marktpessimismus spricht für Erholung


03.03.08 16:17
GECAM

Wangen (aktiencheck.de AG) - Der Monat Februar war geprägt von einer nervösen Seitwärtsbewegung, so die Experten von GECAM.

Der DAX habe bei 6.940 Punkten begonnen, habe anschließend zwischen 6.600 und 7.100 Punkten geschwankt und stehe aktuell ungefähr wieder auf seinem Ausgangsniveau. Einerseits seien die Märkte von einigen positiven Faktoren gestützt worden: Die Unternehmensdaten seien nicht schlecht und Insider, Staatsfonds und Unternehmen würden wieder verstärkt investieren - so habe beispielsweise IBM jüngst eigene Aktien in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar zurückgekauft.

Andererseits gebe es durchaus einige Faktoren, die das Licht am Ende des Tunnels wieder verdunkeln würden: Der Ölpreis belaste die Verbraucher weltweit im Allgemeinen und den angeschlagenen US-Konsumenten im Besonderen. Zum Jahresende hätten die meisten Investmentbanker noch mit einem Jahresdurchschnittspreis von unter 80 US-Dollar je Barrel Öl gerechnet. Davon sei das Fass mit Rekordwerten von über 100 US-Dollar aber weit entfernt.

Berücksichtige man die Faustregel, wonach ein Anstieg des Ölpreises um zehn US-Dollar die Amerikaner um 50 Milliarden US-Dollar Kaufkraft bringe - umgerechnet seien das 0,4 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts - werde klar, worum es hier gehe: Das US-Verbrauchervertrauen habe mittlerweile den tiefsten Stand seit Beginn des Irak-Krieges 2003 erreicht. Wenn nun auch noch ein hoher Ölpreis für hohe Sprit- und Heizkosten sorge, wirke sich das negativ auf den ohnehin schon kränkelnden Konsum aus. Das 150-Milliarden-Dollar-schwere Konjunkturpaket der US-Regierung könnte also - sofern der Ölpreis so hoch bleibe - in den Heizöl- und Benzintanks der Amerikaner landen, anstatt im Konsum oder in der Tilgung von Krediten.

Aber auch Preisaufschläge bei anderen Rohstoffen, wie zum Beispiel Eisenerz, würden die Wirtschaft belasten und die Inflation treiben. Und das nicht nur in den USA, wie die mittlerweile auf rekordverdächtige elf Prozent gestiegene Sparquote in Deutschland belege. Das zeige Folgendes: Der Konsum werde 2008 nicht zum Wachstumsmotor, sondern eher zur Wachstumsbremse.

Hinzu komme, dass der US-Dollar im Moment einen herben Vertrauensverlust verkraften müsse. Man müsse sich schon fragen, wer den USA bei einem Zinsniveau von 1,975 Prozent auf zwei Jahre noch Geld leihe, wenn die Inflation bei vier Prozent liege und die Liquiditätsschleusen der Notenbank komplett geöffnet seien. Die Flucht der Anleger in Gold, aber auch in den Euro werde also allem Anschein nach weitergehen.

Wie bereits im vergangenen Jahr stelle sich die Frage, ab welchem Kurs Europas Produzenten bei internationalen Ausschreibungen nicht mehr mithalten könnten. Da rund 60 Prozent der deutschen Exporte im Moment noch in den Euroraum gehen würden, scheine die Abhängigkeit nur gering zu sein, aber auch hier müssten deutsche Unternehmen mit "Dumpingangeboten" aus USA und Fernost rechnen.

Profiteur der Dollar-Schwäche sei zweifellos die asiatische Wirtschaft. Weil der Chinesische Yuan weitgehend an den US-Dollar gekoppelt sei, würden Waren aus dem Reich der Mitte noch günstiger. An der Börse in Shanghai mache sich dieser Effekt im Moment allerdings noch nicht bemerkbar: Hier entweiche gerade die Luft aus einer großen Spekulationsblase. Seit Oktober 2007 habe Chinas Börse rund 30 Prozent an Wert eingebüßt. Der Absturz sei zu erwarten gewesen: Noch im Herbst sei es hier zu hundertfach überzeichneten Börsengängen gekommen. Auch der jüngste Börsenstart von China Rail sei rund 80-fach überzeichnet gewesen.

Eine weitere zehnprozentige Korrektur der chinesischen Börse scheine den Experten von GECAM durchaus möglich - vielleicht auch mehr. Wie sich ein 30 bis 40-prozentiger Kursverlust auf das Konsumverhalten der vor kurzem noch "neureichen" Chinesen auswirke, bleibe abzuwarten. Sicher würden vor allem Früheinsteiger immer noch auf massiven Gewinnen sitzen, doch alle chinesischen Anleger hätten enorme Einbußen hinnehmen müssen.

Noch immer keine Ruhe sei auf der Finanzseite eingekehrt. In den USA sei die Zahl der Not leidenden Subprime-Kredite auf über 15 Prozent gestiegen. Das wirke sich auf die Handelbarkeit der verbrieften Verbindlichkeiten aus, hier habe es Abschläge von bis zu 80 Prozent gegeben. Selbst mit "AAA" sehr gut bewertete verbriefte Papiere würden sich zurzeit nur sehr schlecht handeln lassen.

Allerdings sollten die positiven Aspekte der Situation nicht außer Acht gelassen werden: Gerade die Finanztitel hätten in den vergangenen Monaten so stark gelitten, dass die an der Börse vorweggenommenen Verluste die tatsächlich notwendigen Abschreibungen in den Bilanzen der Institute deutlich übersteigen dürften. Die Finanztitel hätten bereits rund 500 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Bear Stearns rechne indes "nur" mit einem gesamten Abschreibungsbedarf von 300 Milliarden US-Dollar - vieles sollte also in den Aktienkursen bereits vollzogen sein.

Trotzdem könne es zu weiteren Abschreibungsgerüchten und Hiobsbotschaften kommen, da die Abschreibungen in den Bilanzen der Finanztitel noch längst nicht verbucht seien. Aktuell sei die Lage vergleichbar mit 2003, als nach dem Worldcom-Konkurs alle Telefongesellschaften als Pleitekandidaten gegolten hätten, und manche - im Nachhinein betrachtet - doch zu stark abgestraft worden seien.

Ein gutes Zeichen sei der kollektive Pessimismus am Markt - meist ein Signal dafür, dass sich die Kurse bald erholen könnten. Der ZEW-Indikator, der die Stimmung der Analysten messe, sei wesentlich tiefer gefallen, als beispielsweise der ifo-Geschäftsklimaindex, bei dem Unternehmer befragt würden. Das heiße, die Stimmung sei schlechter als der tatsächliche Zustand der Wirtschaft - noch.

Auch vor dem Hintergrund des Société Générale-Schocks sollte die Marktbereinigung weiter fortgeschritten sein als gemeinhin vermutet. In aller Regel verbessere sich die Investorenstruktur durch derartige Ereignisse, denn Kreditspekulanten würden zur Liquidation gezwungen und Hartgesottene würden die "Exekutionsware" entgegennehmen.

Aufgrund dieser Faktoren würden die Experten von GECAM glauben, dass schon wieder die Zeit gekommen sei, vorsichtig und in mehreren Schritten langfristig zu investieren. Wer in den verbleibenden zehn Monaten dieses Jahres jeweils ein Zehntel der beabsichtigen Summe peu a peu zum Beispiel in aktiv gemanagte Misch- oder Dachfonds mit hohem Aktienfokus investiere, sollte nicht alles falsch machen - vor allem auch im Hinblick auf die herannahende Abgeltungssteuer.

Aufgrund der massiv gestiegenen Risikoaufschläge seien auch Hochzinsanleihen wieder einen Blick wert. Ihr Risiko sei zwar nach wie vor nicht zu unterschätzen, jedoch erhalte man im Gegensatz zu 2005 bis Mitte 2007 wieder ordentliche Risikoprämien. Nach über zweijähriger Abstinenz habe die GECAM AG auf diesem Markt wieder erste vorsichtige Investments getätigt. (03.03.2008/fc/a/m)