Kupfer: Spekulation der Chinesen


17.05.12 16:05
Rohstoff-Report

München (www.aktiencheck.de) - Oft werden wir in einem Atemzug nach den Preisaussichten von Aluminium und Kupfer gefragt, so die Experten von "BörseGo" in ihrem "Gold- & Rohstoff-Report".

Dabei seien die beiden Industriemetalle grundverschieden. Am Kupfermarkt herrsche ein leichtes Angebotsdefizit, während am Aluminiummarkt seit Jahren mehr Angebot vorliege als es die Nachfrage aufnehmen könnte. Das liege vor allem daran, dass für den Aufbau eines Aluminiumschmelzers nur sechs bis neun Monate benötigt würden, die Erschließung einer Kupfererzmine dauere hingegen gut zehn Jahre.

Der Aluminiummarkt habe in den vergangenen Jahren schnell auf Nachfragesteigerungen aus Asien reagieren können, was am Kupfermarkt nicht möglich gewesen sei. Daher habe der Kupferpreis steigen müssen, um das verbleibende Angebot zu rationieren. Besonders dramatisch sei die Situation am Kupfermarkt in den Jahren 2004 bis 2006 geworden, als der Preis von 1.700 USD/Tonne bis auf 8.500 USD/Tonne gestiegen sei. Damals seien die an den Metallbörsen verfügbaren Kupferlagerbestände auf eine Reichweite von nur noch drei Tagen zusammengeschmolzen. Dabei hätten auch physische Geschäfte von Hedgefonds eine Rolle gespielt. Sie hätten physisches Kupfer gekauft, um es in geheimen Lagerhallen zu verstecken - eine Lücke, die die LME wenig später durch Positionslimits geschlossen habe.

Seither seien neue Wege gefunden worden, Kupfer zu verwenden: Analysten von Goldman Sachs (ISIN US38141G1040/ WKN 920332) würden schätzen, dass in China rund 600.000 Tonnen Kupfer in versteckten Lagerhallen lägen und ein Großteil dieser Bestände sei noch nicht versteuert worden, also in China lediglich "zwischengeparkt". Dieses Kupfer diene als Sicherheit für Kredite, die von Banken vor allem an chinesische Baukonzerne vergeben worden seien. Seitdem die chinesische Zentralbank die geldpolitischen Zügel straffer gezogen habe, seien diese Kupfer-Finanzierungsgeschäfte immer beliebter geworden. Zwar habe auch die chinesische Regierung versucht, diese zu schließen, was aber bislang nicht effizient gelungen sei, da die Industrie immer wieder neue Wege finde, diese Geschäfte zu tätigen.

Der Umfang der Kupfer-Finanzierungsgeschäfte sei enorm: In China sei dadurch ein Großteil der Schattenlagerbestände von 600.000 Tonnen Kupfer gebunden. Im Vergleich: An den offiziellen Lagerstätten der drei großen Metallbörsen New York, London und Shanghai würden aggregiert lediglich 580.000 Tonnen Kupfer lagern. In der Industrie gebe es keinen Konsens darüber, wie die Auswirkungen für den Kupferpreis sein könnten, wenn die Baukonzerne und andere Kreditnehmer sich entscheiden würden, ihre Finanzierungsgeschäfte zu schließen. Dann würde dieses Kupfer dem Markt wieder zur Verfügung gestellt und könnte die Preise belasten.

Es gebe Hinweise darauf, dass diese Geschäfte zumindest teilweise rückabgewickelt werden könnten, denn die Terminkurve an der LME falle. Der Kupferpreis für zukünftige Lieferungen liege also unter dem Preis am physischen Markt. Da die Finanzierungsgeschäfte von chinesischen Baukonzernen vor allem an der LME und vor allem in den vorderen Kontrakten abgehedgt würden, entstehe durch die aufgetretene Backwardation-Struktur ein zusätzlicher Kostenfaktor, der bisher eine Einkommensquelle gewesen sei: Rollverluste.

Eine Backwardation-Strutkur führe bei Long-Positionen zu Rollgewinnen. Wer aber, und das gelte für die Hedge-Positionen chinesischer Baukonzerne, in einem Backwardation-Markt short sei, erleide Rollverluste. Dies könnte zusammen mit der allmählichen Lockerung der Geldpolitik und der damit einhergehenden besseren Verfügbarkeit von Krediten bei Geschäftsbanken dazu führen, dass Finanzierungsgeschäfte in China sukzessive aufgelöst würden. Dies gelte es engmaschig zu verfolgen, da sich daraus ein Belastungsfaktor für den Kupfermarkt ergeben könnte.

Bei Aluminium komme derzeit einiges zusammen, was darauf hindeute, dass die Preise zu weit gefallen seien: Ein Angebot, das falle, ein Spotpreis, der unter die Produktionskosten gerutscht sei sowie eine Nachfrage, die sich ansprechend entwickle - etwa wegen der unmittelbar anstehenden Modernisierung des chinesischen Stromnetzes oder des Trends hin zum Automobil-Leichtbau.

1.979 USD koste eine Tonne Aluminium, das zu den energieintensivsten Metallen der Welt zähle. Energie sei teuer. Daher würden 90% der Schmelzer zu 2.200 USD pro Tonne produzieren. Pro Tonne 150 USD Verlust - das würden nicht alle Produzenten auf lange Sicht durchhalten. Kupfer, ein weiteres Metall, dass im Zuge der Industrialisierung von Schwellenländern wie China benötigt werde, koste viermal mehr als Aluminium. Das sei der niedrigste Stand seit vielen Jahrzehnten und motiviere die Industrie dazu, an jeder möglichen Stelle auf Kupfer zu verzichten und es durch Aluminium zu ersetzen, wenn möglich. Umso teurer Kupfer also in Relation zu Aluminium werde, desto besser sei das für die Aluminiumnachfrage.

Anfang des Jahres 2009 sei Kupfer nur doppelt so teuer gewesen, im Jahr 2002 habe Aluminium noch ungefähr gleichviel wie Kupfer gekostet. Dass Aluminium soviel günstiger geworden sei, liege auch an der rücksichtslosen Ausweitung der Produktionskapazitäten in China. Ein Alu-Schmelzer könne in sechs Monaten aufgebaut und in Betrieb genommen werden. Eine Kupfermine benötige von der Erschließung bis zur Produktion oft mehr als sieben Jahre. In China sei der Bedarf schnell gewachsen und unter politischem Druck seien in großem Stil Schmelzkapazitäten für Aluminium aufgebaut worden - ohne Rücksicht auf Profitabilität. Der größte chinesische Aluminiumproduzent Chinalco (ISIN AU000000CYU7/ WKN A0M161) rechne dieses Jahr mit einer Steigerung der inländischen Produktion um 10,5 Prozent auf 21,5 Millionen Tonnen.

Chinalco und andere chinesische Schmelzer würden dabei Verluste in Kauf nehmen, ein Luxus, den sich westliche Produzenten nicht leisten könnten, da sie nicht vom Staat gestützt würden. Es sei daher wahrscheinlich, dass es in den nächsten Monaten zu umfangreichen Produktionskürzungen auf globaler Ebene kommen werde. Das könnte den Preis stützen. Ende Februar habe Aluminium noch 2.361 USD/Tonne gekostet.

In den letzten zehn Jahren sei die Nachfrage um 4,7 Prozent pro Jahr gestiegen. Novelis, der weltweit größte Verbraucher des Metalls, rechne mit einem Wachstum der chinesischen Aluminiumnachfrage zwischen 8 und 10 Prozent im Jahr für die nächsten fünf Jahre. Das in Atlanta ansässige Unternehmen produziere 19 Prozent aller Flachwalz-Produkte aus Aluminium weltweit. Hinter diesen positiven Aussichten stehe neben der zunehmenden Verwendung von Aluminium im Automobil-Leichtbau der Bedarf der Modernisierung des chinesischen Stromnetzes. Im laufenden Fünfjahresplan, der von 2011 bis 2015 reiche, habe die Regierung in Peking ihre Investitionen in den Ausbau des Stromsektors um 88 Prozent erhöht. Dazu zähle auch der Bau von Hochspannungsleitungen, bei denen pro Kilometer Länge 1,7 kg Aluminium verbaut würden.

"Basierend auf den vorgeschlagenen Investitionsplänen, werden die größten Investitionen in den Jahren 2012 und 2013 stattfinden, wodurch die Rohstoffnachfrage in dieser Zeit am höchsten sein wird", würden die Analysten von Barclays Capital schreiben. China sei auch ohne das Modernisierungsprogramm des Stromnetzes ein bedeutender Nachfrager. China habe seinen Anteil an der weltweiten Aluminiumnachfrage von 13% im Jahr 2000 auf inzwischen 41% ausgedehnt, betone Jochen Hitzfeld von HVB UniCredit.

Der Aluminiummarkt deute auf steigende Notierungen bereits an. So koste eine Tonne Aluminium für Lieferungen in 15 Monaten bereits 150 USD/Tonne mehr als die sofortige Lieferung. Das könnte indizieren, dass der Markt die derzeitige Preisschwäche als vorübergehend ansehe. Das glaube auch Jochen Hitzeld von UniCredit: "Wir erwarten unverändert einen Aluminiumpreis von 2.350 USD je Tonne im Jahr 2012 und 2.450 USD je Tonne im Jahr 2013." (Ausgabe 10 vom 16.05.2012) (17.05.2012/ac/a/m)