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Neue Rezession in den USA unwahrscheinlich


11.02.16 10:02
Danske Invest

Kopenhagen (www.fondscheck.de) - Bo Bejstrup Christensen, Chefanalytiker bei Danske Invest, lässt sich von den düsteren Prophezeiungen für die amerikanische Wirtschaft nicht irritieren.

Die amerikanischen Wirtschaftsdaten würden enttäuschen, das Produzierende Gewerbe befinde sich bereits in einer Rezession, das Vertrauen des Marktes in weitere Zinserhöhungen durch die Amerikanische Zentralbank sei fast erloschen und der Aktienmarkt kämpfe darum, nach dem schlechtesten Jahresstart seit Jahrzehnten wieder Stabilität zu erlangen. Gleichzeitig werde die US-Notenbank beschuldigt, dass sie die Zinszügel zu früh angezogen habe. Kurz gesagt: Die Sorgen würden zunehmen und das "R-Wort" stehe wieder auf der Tagesordnung. Würden die USA in eine neue Rezession rutschen? Die Antwort laute: "Nein, auf keinen Fall!"

Christensen könne gut verstehen, dass sich manche Menschen aus bestimmten Gründen Sorgen machen würden. Die Industrieproduktion gehe zurück und das Geschäft des Produzierenden Gewerbes liege auf einem niedrigen Niveau. Es sehe sich einem gesamtwirtschaftlichen Umfeld gegenüber, das sich in der Vergangenheit des Öfteren in einer Rezession befunden habe. Dazu kämen eine deutliche Straffung der allgemeinen Finanzierungsbedingungen - wie höhere Finanzierungskosten für Anleiheemittenten oder niedrigere Aktienkurse - und vor allem ein wesentlich stärkerer US-Dollar. Letztendlich entstehe Unruhe in den Schwellenländern, was sowohl zu einem niedrigeren Exportwachstum als auch zu einem erhöhten Volatilitätsrisiko an den Finanzmärkten führe. Die Liste sei lang und eine gewisse Besorgnis durchaus gerechtfertigt.

Nichtsdestotrotz hätten sich diese Sorgen nach Erachten des Experten jetzt in panikartige Zustände verwandelt. Und das führe - trotz der Herausforderungen - zu einer übertriebenen Nervosität. In Anbetracht der aktuellen Situation komme er zu dem Schluss, dass es sich um eine Reihe mittelfristig negativer Störfaktoren für die amerikanische Wirtschaft handle.

Störfaktor Nummer Eins sei die Stärke des US-Dollars: Dieser habe einen Anstieg von über 20 Prozent auf handelsgewichteter Basis seit seinem Tiefpunkt im Jahr 2014 verzeichnet. Das beeinflusse sowohl das Exportvolumen als auch die Gewinne auf US-Dollar-Basis. Aber der US-Dollar könne naturgemäß nicht bis in alle Ewigkeit aufwerten und irgendwann werde das Tempo der Aufwertung nachlassen. Obwohl der Experte weiterhin der Meinung sei, dass niedrigere Ölpreise der amerikanischen Wirtschaft generell zugute kämen, seien sie eine große Belastung für gewisse Teilbereiche. Auch wenn man dem Ölpreis keineswegs optimistisch gegenüberstehe, könne er zudem nicht immer weiter fallen.

Auch die Einschätzungen für China und die Schwellenländer seien wenig optimistisch: Das Wachstum in China habe sich - angeführt von einem rückläufigen Bausektor - bereits halbiert. Sowohl Brasilien als auch Russland würden sich schon in einer tiefen Rezession befinden. Das werde sich auch in der nächsten Zeit nicht so schnell ändern und China werde kurzfristig nicht zu seinen früheren hohen Wachstumsraten zurückkehren. Es gebe aber z.B. trotzdem Grenzen für den Wachstumsrückgang in Brasilien, wo das Wachstum letztes Jahr um katastrophale 7,5 Prozent zurückgegangen sei.

Die negativen Auswirkungen auf die USA seien deshalb nur mittelfristig zu spüren und von externer Natur. Sie würden diejenigen Bereiche der amerikanischen Wirtschaft treffen, die am stärksten vom Rest der Welt abhängig seien - und das sei das Produzierende Gewerbe.

Die Finanzmärkte würden stets nach Informationen hungern: Wo stehe die Wirtschaft gerade? In welche Richtung gehe es? Statistiken würden jedoch leider immer nur partielle und vergangenheitsbezogene Einblicke geben. Im Laufe eines durchschnittlichen Monats gebe es z.B. mehr Daten für den amerikanischen Industriesektor als für den Dienstleistungssektor. Das sei teilweise dem jahrzehntelangen Status der USA als Industriewirtschaft geschuldet, aber auch der Tatsache, dass es viel leichter sei, einen Automobilhersteller zu fragen, wie viele Autos er produziert habe, als einen Arzt zu fragen, welchen Wert ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis im Laufe eines Monats generiert habe.

Am laufenden Datenstrom habe das Produzierende Gewerbe also mehr Anteil als an der tatsächlichen Wirtschaftsleistung. Die Wertschöpfung in der Industrie als Anteil an der Gesamtwirtschaftsleistung sei z.B. über die letzten Jahrzehnte auf aktuell unter 15 Prozent gefallen. Lediglich 10 Prozent der Arbeitskräfte seien heute im Produzierenden Gewerbe beschäftigt. Trotzdem kämen 40 Prozent des monatlichen Datenstroms aus der Industrie. Dies sollte man sich vor Augen halten, denn die externen Störfaktoren würden den Industriesektor belasten, während sich die Dienstleistungsbranche bis jetzt überraschend gut entwickle und unter anderem viele neue Arbeitsplätze geschaffen habe.

Ganz wesentlich sei jedoch, dass das Wachstum in der Gesamtwirtschaft aus Quellen komme, die man nur sehr schwer erfassen könne. So haetten Studien aus dem Jahr 2010 ergeben, dass neue kleine Unternehmen in einem durchschnittlichen Jahr der treibende Faktor hinter der Schaffung neuer Arbeitsplätze gewesen seien. Ohne sie würde die Beschäftigung stagnieren. Kleine neue Unternehmen seien von Natur aus schwer zu erfassen, teils, weil sie nicht sehr präsent seien, teils, weil sie in der Vergangenheit noch nicht existiert seien.

Wenn die Frage einer Rezession im Raum stehe, konzentriere man sich deshalb vor allem auf das Bankensystem und den Immobilienmarkt. Ohne ein gut funktionierendes Bankensystem könnten Unternehmer und Innovatoren keine neuen Firmen gründen und expandieren. Der Immobilienmarkt sei für viele Unternehmer die primäre Finanzierungsquelle. Steigende Immobilienpreise und der Zugang zu Immobilienkrediten seien daher die wesentlichen Bedingungen für Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Das größte Augenmerk lege der Experte auf die Überprüfung, inwieweit sich das Bankensystem in einer Krise befinde. Momentan gehe er davon aus, dass Banken bei der Kreditvergabe an den Energiesektor und damit verbundenen Branchen Verluste erleiden würden. Die Zeit nach der Krise 2008/2009 sei genau dem gewidmet worden: Dem Aufbau eines besseren und stabileren Bankensystems, das nicht mehr so leicht zusammenbreche wie zuvor. Ein höherer Kapitalbedarf, eine bessere Liquidität und mehr Transparenz würden bedeuten, dass das Bankensystem mit dem bevorstehenden Verlust fertig werden könne, ohne die Kreditvergabe an anderen Stellen zu stark zu kürzen. Das sei diese Woche von der jüngsten Umfrage zur Kreditbereitschaft der Banken, dem Senior Loan Officer Survey, bestätigt worden.

Die Umfrage zeige, dass einige Banken die Bedingungen für Unternehmen straffen würden, aber das seien nur wenige Institute. Das Wichtigste sei, dass die Banken die Bedingungen für Verbraucher im Allgemeinen und Immobilienkredite im Besonderen weiter lockern würden. Dabei komme den Immobilienkrediten eine besondere Bedeutung zu, denn das größte Hindernis für eine Normalisierung der Wohnungsbauaktivitäten seien zu strenge Kreditkonditionen. Die Experten würden somit davon ausgehen, dass der Wohnungsbau in den kommenden drei Jahren um 20 bis 40 Prozent zunehmen werde und so die Wirtschaft in einer Zeit stütze, in der es der Industriesektor schwer habe.

Deshalb sei das Gerede darüber, dass die amerikanische Notenbank (FED) einen Fehler gemacht habe, nach Erachten der Experten fehl am Platz. Anders ausgedrückt: Wenn die FED den Normalisierungsprozess nicht eingeläutet hätte, würden die Finanzmärkte und Banken vielleicht immer noch wahllos Kapital und Finanzierungen zur Verfügung stellen, z.B. dem Energiesektor. Selbst Notenbankchefin Janet Yellen habe im Sommer 2014 darauf hingewiesen, dass zu viele Kredite an Unternehmen mit geringer Bonität ausgegeben worden seien.

Stellen Sie sich vor, wie stark die Wirtschaft wäre, wenn der US-Dollar nicht als direkte Folge der frühen Normalisierung der Geldpolitik an Wert gewonnen hätte, so Bo Bejstrup Christensen. Dann wäre die Arbeitslosigkeit in den USA noch niedriger und die Lohninflation wesentlich höher. So hätte sich die FED genötigt gesehen, die Zinszügel schnell anzuziehen. Das wäre in Wirklichkeit ein schwieriger Prozess gewesen.

Stattdessen versuche die FED durch turbulente Zeiten zu navigieren und strebe Finanzierungsbedingungen an, die Wachstum schaffen würden und damit die Inflation hervorbringe. Letztere erlaube es der FED, ihr Ziel von Vollbeschäftigung und zwei Prozent Inflation zu erreichen. Jetzt hätten die Märkte die Zinserhöhung der FED gemeistert, weshalb sie sich Zeit lassen könne. Gerade weil die FED rechtzeitig begonnen habe, könne sie nun schrittweise vorgehen und so die Zinserhöhungen der aktuellen Entwicklung an den Finanzmärkten anpassen.

Aktuell herrsche an den Märkten Panik. Diese Panik sei nach Meinung der Experten übertrieben, aber auch teilweise verständlich. In sechs Monaten gebe es mehr Klarheit über die negativen Folgen insbesondere der niedrigen Ölpreise. Aber auch dann werde das Bankensystem immer noch funktionieren und der Immobilienmarkt sich weiter erholen. Damit sei Panik vor einer Rezession hinfällig - und die FED könne ihre gemächlichen Zinserhöhungen fortsetzen. Darauf freuen wir uns, so Bo Bejstrup Christensen, Chefanalytiker bei Danske Invest. (Ausgabe vom 10.02.2016) (11.02.2016/fc/a/m)