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Q3-Ausblick: Zeit der Entscheidung oder weiter die Augen verschließen?


23.07.12 13:09
Saxo Bank

Kopenhagen (www.aktiencheck.de) - Die Saxo Bank, Spezialist für Online-Trading und Investment, kommt in ihrem Ausblick für das dritte Quartal zu dem Schluss, dass Europa nicht nur praktisch insolvent ist, sondern noch dazu diese Tatsache leugnet und weiterhin keinen glaubwürdigen Plan für die Zukunft hat.

Die Analysten der Bank würden zudem einen Wachstumseinbruch in China auf 6,5 Prozent prognostizieren, was nicht nur für China einen Tiefpunkt markiere, sondern auch für die Weltkonjunktur insgesamt negative Folgen haben dürfte.

Die Saxo Bank teile Krisen wie die aktuelle in Europa in drei Phasen ein. Erstens Leugnen: Politiker und Zentralbanker würden glauben, es mit quantitativer Lockerung und finanziellen Stimulationsmaßnahmen schon richten zu können. Zweitens Protest: Das Volk wähle eine neue Regierung, die aber die wahren Probleme noch immer nicht anzugehen vermöge. Drittens Mandat zur Veränderung: Die politischen Verantwortlichen seien dazu gezwungen, wirksame Maßnahmen zu ergreifen.

Nach Ansicht der Saxo Bank verharre die EU momentan in Phase eins bis zwei und müsse erst noch erkennen, dass echte Veränderung Not tue. Die Experten der Bank würden erwarten, dass diese dritte Phase höchstwahrscheinlich vor Ablauf des Jahres erreicht werden werde - dann allerdings nicht durch "Erleuchtung" der Politik, sondern wahrscheinlich infolge eines systemischen Zusammenbruchs.

Die derzeitige Kombination aus fiskalischem Stimulus, Bilanzausweitung der Zentralbanken und niedrigen Zinsen werde laut den Prognosen der Saxo Bank langfristig nicht funktionieren. Auf die politische Agenda gehöre daher wieder die stärkste Seite der Wirtschaft: die Mikroökonomie.

Peter Garnry, Aktienstratege bei der Saxo Bank, kommentiere: "Wir brauchen einen echten Wandel, der uns eine starke und nachhaltige Erholung vom derzeitigen Tiefpunkt bringt. Die Hauptbeteiligten der aktuellen Krise - Europa, die USA, aber auch Asien - verharren weiter in völliger Tatenlosigkeit. Die Strategie des "Extend and Pretend" - also weitermachen und so tun, als wäre alles in Ordnung - wird bald an ihre Grenzen stoßen."

Garnry weiter: "Die Lösung für diese Krise ist so einfach wie wahr: Schafft für die Mikrowirtschaft Anreize zum Investieren und Produzieren und erkennt endlich, dass ein Wachstumsplan flankiert werden muss von Sicherheit, Bildungschancen, einem fairen Gesundheitssystem, liquiden Kapitalmärkten und vernünftigen Steuern. Im Augenblick tun die politischen Verantwortlichen genau das Gegenteil: Sie verschärfen die Regulierung und erhöhen die Steuern. Auf der anderen Seite verstärken sie die Sparmaßnahmen und kürzen bei Gesundheit und Bildung."

Hier die wichtigsten Aussagen des Q3-Ausblicks:

Aktien - die unbeliebteste Anlageklasse: Gemessen am Spread zwischen der Gewinnrendite des S&P 500 (ISIN US78378X1072/ WKN A0AET0) und der Rendite von Unternehmensanleihen mit Baa-Rating seien die Ängste derzeit fast so hoch wie seit 54 Jahren nicht. Andere Indikatoren seien ebenfalls alarmierend und würden für Aktien ein äußerst düsteres Bild zeichnen. Die Ähnlichkeiten zwischen der aktuellen Situation und der Großen Depression seien in vielerlei Hinsicht erstaunlich.

USD zurück zu alter Stärke: Im dritten Quartal werde Europa vor vielen Fragen stehen, die vielleicht unbeantwortet bleiben würden. Dies könnte den Euro weiter in die Defensive drängen, während der USD zusammen mit den skandinavischen Währungen an Wert gewinnen dürfte. Der USD habe schon einen viel versprechenden Start ins zweite Quartal gehabt, als er ein 18-Monats-Hoch auf handelsgewichteter Basis erreicht habe.

Weitere Zinssenkung der EZB? Die langfristigen Refinanzierungsgeschäfte (LTRO) der Europäischen Zentralbank seien anfangs als "Wunderlösung" für die Eurokrise bejubelt worden. Ihre Wirkung habe seither jedoch beträchtlich nachgelassen, da sich Solvenzprobleme nun einmal schlecht mit Liquidität lösen lassen würden. Die EZB könnte irgendwann im dritten Quartal zu einer letzten konventionellen Lockerungsmaßnahme greifen und dabei ihren Refinanzierungssatz auf 0,5 Prozent senken. Weitere LTRO-Aktionen dürften nur im Falle einer erneuten schweren Liquiditätskrise der Banken erfolgen.

Anleihen - Sinkflug der "Nord-Renditen" zeige schiere Verzweiflung: Gegen Ende des zweiten Quartals hätten die Gläubigerländer der Eurozone - sprich die Länder im Norden und allen voran Deutschland - einen kräftigen Rückgang der Anleihenrenditen verzeichnet. Angesichts der noch immer recht stabilen Inflationserwartungen eine Extremsituation. Das Risiko-Rendite-Profil deutscher Bundesanleihen sei gemessen am aktuellen Zinsniveau recht unattraktiv.

Devisenoptionen: Kaufgelegenheit? Da Europa im Mittelpunkt der anhaltenden Finanzkrise stehe, sei die erste Hälfte des Jahres zu Recht von einem starken Fokus auf EUR/USD geprägt gewesen. Viele Länder in Europa stünden nach wie vor unter extremem Druck, und der Stress an den Finanzmärkten halte unvermindert an. Egal, in welche Richtung Europa steuere: Die Saxo Bank-Experten würden mit schwierigen Bedingungen rechnen.

Asien - China in ungewohnter Wachstumsflaute: Auch wenn China noch immer Wachstumsraten habe, von denen viele Industrienationen nur träumen könnten, markiere das derzeitige Wachstum für das Land einen Tiefpunkt. Daten vom Mai würden zumindest auf eine kurzzeitige Erholung von der schwachen Entwicklung im April hindeuten. Um den Binnenkonsum weiter anzukurbeln und der chinesischen Wirtschaft eine harte Landung zu ersparen, würden die Experten der Saxo Bank eine weitere Zinssenkung für möglich halten. Allerdings dürften sich die weiteren Bemühungen auf Senkungen des Mindestreservesatzes für Geschäftsbanken konzentrieren. In jedem Fall aber werde es zu einem Anstieg der Chinesischer Yuan-Kredite kommen.

Rohstoffe - Kampf zwischen Wetter, geopolitischen Faktoren und schwächerem Wachstum: Das dritte Jahr in Folge hätten makroökonomische Sorgen im zweiten Quartal einen Ausverkauf an den Rohstoffmärkten ausgelöst. In Europa habe es kaum Fortschritte zur Lösung der Schuldenkrise gegeben, in China habe sich das Wachstum verlangsamt, und auch die US-Wirtschaft sei in eine Schwächephase geraten. Doch paradoxerweise seien niedrige Preise das beste Mittel gegen ein Preistief. Angesichts des schleppenden Angebotswachstums, der niedrigen Lagerbestände, der restriktiven Kreditvergabe der Banken und der begrenzten Investitionsanreize für das Produzierende Gewerbe sollte der positive Preiseffekt, der sich daraus ergeben werde, nicht übersehen werden. (23.07.2012/ac/a/m)