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US-Wirtschaft: Aufhellung am Horizont oder nur ein Trugbild?


26.06.12 16:36
Nordea

Stockholm (www.aktiencheck.de) - Seit Ende letzten Jahres die ersten "jungen Triebe" zu erkennen waren, hat sich das Tempo der US-Erholung, das im ersten Quartal 2012 die Skeptiker wiederholt verblüfft hatte, im zweiten Quartal bislang deutlich verringert, so die Analysten von Nordea.

Diese Entwicklung sei nichts Ungewöhnliches in der frühen Phase eines Aufschwungs, da der Impuls des neuen Wachstums mit den verbliebenen, aber schwindenden Kräften des vorherigen Abschwungs um die Vorherrschaft ringe. Analysten, die darauf unvorbereitet gewesen seien, hätten ihre Prognosen in Anbetracht der zu Jahresbeginn positiv überraschenden Daten zunächst nur sehr zögerlich korrigiert, und in ihren verspäteten Neubeurteilungen könnten die kurzfristigen Argumente für eine Erholung nun überbewertet sein, was hier und da zwangsläufig zu Enttäuschungen geführt habe.

Die Wirtschaft sei allerdings in einer viel besseren Verfassung als noch vor einem Jahr, als die Gefahr einer erneuten Rezession bedrohlicher gewesen sei. Dafür gebe es mehrere Gründe, vor allem die Lage am so wichtigen Arbeitsmarkt, der sich trotz gewisser Rückschläge in letzter Zeit insgesamt noch immer bemerkenswert gut behaupte. Bis vor kurzem hätten außerdem einige Maße für das Konsumklima nahe an Jahreshöchstständen notiert. Das sei überaus wichtig für eine Wirtschaft, die zu 70% von den Konsumausgaben abhängig sei (die im ersten Quartal dieses Jahres um 2,9% - den höchsten Wert der letzten zwölf Monate - gestiegen seien).

Wichtig sei dabei, dass diese Entwicklung von einem aus der Krise hervorgegangenen US-Bankensektor unterstützt worden sei, der - anders als die nach wie vor klammen europäischen Banken - weitgehend neue Kraft geschöpft habe und allmählich auch wieder Kredite an Verbraucher vergebe.

Neben den besseren Beschäftigungsaussichten hätten weitere Faktoren zur Verbesserung des Verbrauchervertrauens beigetragen: Die Energiepreise, ein wichtiges Element der Konsumausgaben, seien zuletzt gesunken, während die Nachrichten aus dem Wohnimmobiliensektor wieder besser seien und bis vor kurzem auch die relativ stabile Entwicklung an den US-Aktienmärkten möglicherweise Unterstützung geboten habe.

Diese Entwicklungen würden aber natürlich auch andere Schlüsse zulassen, die nach den letzten enttäuschenden Daten mehr Zuspruch fänden. Die Verbraucher würden mehr Geld ausgeben mögen, aber ein Großteil davon sei kreditfinanziert. Statt also ihre Gesamtschuldenlast abzubauen, was die meisten Analysten als wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige Erholung betrachten würden, würden die US-Verbraucher sie erhöhen.

Ein weiterer Fallstrick sei die Unvorhersagbarkeit der Energiepreise, besonders der Ölpreise. Und da diese empfindlich auf geopolitische Einflüsse reagieren würden, die sporadisch Angebotsrisiken verursachen würden, würden die Ölpreise immer volatil sein. Auch der Wohnimmobiliensektor sei nach wie vor weit von einer echten Erholung entfernt, während die Aktienmärkte naturgemäß der Launenhaftigkeit der Anlegerstimmung unterworfen seien.

Insgesamt scheine die US-Wirtschaft derzeit also an einem Scheideweg zu stehen. Kurzfristig würden die aktuellsten Daten eindeutig auf eine nachlassende Dynamik hindeuten, die entweder als Beginn eines neuen Abschwungs oder als Beginn einer Konsolidierungsphase gedeutet werden könne. Angesichts der Tiefen, aus denen sich die US-Wirtschaft in den letzten drei Jahren wieder nach oben gekämpft habe, müsse man hoffen, dass das zweite dieser Szenarios zutreffe.

Denn eine solide Basis, auf die sie bei einer Verschlechterung der Konjunkturbedingungen zurückfallen könne, sei den häufig einem freien Fall gleichenden Abschwüngen vorzuziehen, die auf Erholungsphasen folgen würden, die auf einem wackeligen Fundament ruhen würden. Unterstützend könnte eine Verschlechterung der US-Konjunkturaussichten vom aktuellen Niveau der Auslöser für eine weitere quantitative Lockerung sein, die mehr Stabilität im weiteren Verlauf wahrscheinlicher mache. (Ausgabe 102 Juni 2012) (26.06.2012/ac/a/m)