Erweiterte Funktionen

US-Wirtschaft von der fiskalischen Klippe bedroht


28.08.12 08:09
MFS Investment Management

Boston (www.aktiencheck.de) - Die US-Präsidentschaftswahlen am 6. November werden die globale Wirtschaft und den US-Aktienmarkt maßgeblich beeinflussen, so die Experten von MFS Investment Management.

Sollte das US-Schuldenproblem weiter ungelöst bleiben, drohe eine neue internationale Wirtschaftskrise. James Swanson, Chief Investment Strategist von MFS Investment Management, erläutere die Gründe.

Mit der näher rückenden US-Präsidentschaftswahl würden die Diskussionen über den möglichen Schaden zunehmen, den die fiskalische Klippe (fiscal cliff) auf die US-Wirtschaft haben könnte. Dahinter stünden Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in Höhe von 600 Milliarden US-Dollar. Diese würden am 1. Januar 2013 durchgesetzt, wenn der US-Kongress die Senkungen der Lohnsteuer sowie Steuersenkungen der Bush Administration von 2001 und 2003 nicht verlängere.

Die Ausgabenkürzungen würden aus dem von Barack Obama unterzeichneten "Budget Control Act" von 2011 und dem Erlöschen der Arbeitslosenleistungen resultieren. Ab 2013 sehe der "Budget Control Act" jährlich 109 Milliarden US-Dollar an Ausgabenkürzungen vor, weil es dem im Jahr 2011 vom Kongress beauftragten "Super-Komitee für die Defizitreduktion" nicht gelungen sei, 1,2 Billionen US-Dollar zu sparen.

Die 2011 vom Kongress verabschiedete Schuldenobergrenze sei die juristisch vorgegebene Schwelle. Sollte diese erreicht werden, dürfe das US-Finanzministerium keine weiteren Staatsanleihen emittieren. Zurzeit stehe diese Schuldenobergrenze bei 16,4 Billionen US-Dollar. Diese Schwelle werde wahrscheinlich bereits im ersten Quartal 2013 erreicht. Hebe der Kongress die Schuldenobergrenze nicht an, werde die Regierung keine weiteren Gelder für die Tilgung des Schuldendefizits aufnehmen können. Das wiederum hätte massive Kosteneinsparungen zufolge, die alle Bereiche treffen würde - von der sozialen Sicherheit bis zu den Zuschüssen für die Bundesstaaten.

Die Folge wäre eine riesige Blockade in der US-Wirtschaft, die zurzeit um 1,6 Prozent pro Jahr wachse. Sollten alle Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen umgesetzt werden, würden wir voraussichtlich ein BIP-Wachstum von minus 3,6 Prozent erleben, so die Experten von MFS Investment Management. Die USA würden unweigerlich in eine Rezession schlittern.

Die politischen Differenzen zwischen Republikanern und Demokraten würden eine Einigung in der Fiskalpolitik vor den Wahlen im November unwahrscheinlich machen. Die Amerikaner würden neben dem Präsidenten ein Drittel des Senats und das komplette Repräsentantenhaus wählen. Investoren sollten daher ein Auge auf den Ausgang der Wahlen haben. Werde Barack Obama im Amt bestätigt und würden die Demokraten auch die Mehrheit im Kongress gewinnen, seien Steuererhöhungen zu erwarten.

Die Experten würden davon ausgehen, dass die Steuern auf Dividenden und Kapitalgewinne, die zurzeit bei 15 Prozent liegen würden, ebenfalls erhöht würden - jedoch nicht auf das Niveau wie vor der "Bush Administration". Ebenfalls möglich wäre, dass die Einkommenssteuer wieder erhöht und der "Budget Control Act" aufgehoben werde.

Sollten jedoch die Republikaner die Kontrolle über das Weiße Haus und den Kongress gewinnen, würden die Steuersenkungen über die kommenden Jahre anhalten und der "Budget Control Act" würde nicht wie ursprünglich geplant umgesetzt. Die Ausgabenkürzungen würden zwar dennoch eintreffen, allerdings verteilt auf mehrere Jahre. Die Wirtschaft würde darunter mit Sicherheit leiden, eine Rezession könnte aber gleichzeitig verhindert werden.

Die US-Wirtschaft befinde sich derzeit auf langsamem Wachstumskurs und im mittleren Stadium ihres Marktzyklus. Sollte sich Washington auf keine Lösung einigen, drohe eine Rezession. Wir würden dann den vollen Einfluss der Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen spüren, so die Experten von MFS Investment Management. Dieser Abschwung der US-Wirtschaft könnte negativen Einfluss auf die Wirtschaft in Europa und den Schwellenländern haben und letztlich eine erneute globale Wirtschaftskrise verursachen.

Es sei kaum anzunehmen, dass jemand Interesse daran habe, diesen Wirtschaftseinbruch einzuleiten. Die Politiker in Washington würden genau wissen, wie fragil der Zustand der Wirtschaft sei. Sie würden mit Sicherheit genügend Notstandsgesetzgebungen einführen, um die Krise hinauszuzögern. Denn dann müsste sich ein anderer Kongress zu einem späteren Zeitpunkt mit der Problematik auseinandersetzen. Sie würden nicht erlauben, dass eine tödliche Kombination von Steuererhöhungen und Haushaltskürzungen gleichzeitig umgesetzt werde. Es scheine also Raum für Kompromisse zu geben, zum Beispiel um die Steuern von Topverdienern stärker als jene der Mittelschicht zu erhöhen.

Zudem könnten die Ausgaben für Gesundheit und Arbeitslose modifiziert werden, damit sich die Wirtschaft schrittweise erhole. In einem solchen Szenario würde der aktuelle Marktzyklus fortgesetzt und weder Unternehmensgewinne noch Aktienbewertungen beeinflusst werden. So würde diese Krise schon bald wieder als die "Schuldenobergrenze-Krise" vom letzten Sommer in Vergessenheit geraten. (Analyse vom 27.08.2012) (28.08.2012/ac/a/m)