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Von Big Data zu Bad Data


07.04.16 12:19
Financière de l´Echiquier

Paris (www.fondscheck.de) - Auf der Liste der Lieblingssätze von Marktteilnehmern stehen mindestens zwei ganz weit oben: Der ewig gleichbleibende Satz "Die Zahlen sind besser als erwartet" und das negative Pendant "Die Zahlen bleiben hinter den Erwartungen zurück", so Didier Le Menestrel, Chairman von La Financière de l’Echiquier.

Wer freitags gegen 14:30 Uhr, wenn die amerikanischen Beschäftigungszahlen bekannt gegeben würden, durch einen Handelssaal gehe, komme definitiv an einem der beiden Sätze nicht vorbei - mitunter ausgeschmückt mit einem enttäuschten Fluch oder einem klangvollen "Yes!". Sobald China etwas früher am Tag einmal andere Zahlen veröffentlicht haben sollte, habe man sicherlich die Gelegenheit, das unvermeidliche "You cannot trust Chinese statistics" (viele Broker seien Angelsachsen) zu vernehmen.

Wenn schon allgemein Einigkeit darüber bestehe, dass chinesische Statistiken nicht vertrauenswürdig seien, stelle sich die Frage, ob man dann anderen Statistiken tatsächlich vertrauen könne. Sei es richtig, den Konjunkturdaten so viel Bedeutung beizumessen und was sollten die Märkte damit anfangen? Knifflige Fragen, die in einer fundierten Studie gestellt würden, die von der UBS veröffentlicht worden sei.

Das Problem der Anpassung der Märkte an die Veröffentlichungen sei in erster Linie emotional: Veröffentlichte Daten würden Gefühle bei den Verbrauchern oder den Anlegern erzeugen und sie zur Reaktion veranlassen. Dieses Gefühl habe UBS in seinem "emotional bereinigten Barometer" dargestellt. Die Idee dahinter: die "Volatilität der Gefühle" mit der tatsächlichen Volatilität der zugrunde liegenden Konjunkturdaten zu vergleichen. Eines stehe fest: Das emotionale Barometer schlage so stark aus, dass man es auch "Stressbarometer" nennen könnte. Seit zwei Jahren erlebe man immer häufigere Überreaktionen der Märkte auf konjunkturelle Anreize. Die letzten Monate, in denen es bei Anleihen, Aktien und Devisen teilweise Rekordausschläge gegeben habe, würden dies aufs Beste veranschaulichen.

Wenn die Märkte auf die Konjunkturdaten überreagieren würden, dann sicherlich deswegen, weil die Börsianer sie für sehr zuverlässig halten würden. Tatsächlich könnte man meinen, dass man angesichts der Datenflut heute über immer sicherere Daten verfüge. Leider sehe die Wirklichkeit nicht so einfach aus.

Nehme man etwa die Verbraucherdaten: Während in den 80er Jahren 85 Prozent der im Rahmen von Meinungsumfragen befragten Personen geantwortet hätten, seien es heute nur noch etwa 65 Prozent und die Antworten seien häufiger ausweichend. Die Statistiker würden versuchen, diesen Rückgang zu umgehen, indem sie Daten direkt im Web suchen würden, aber damit würden sie dem Verbrauch außerhalb des Internets zu wenig Bedeutung beimessen. Der Weg von den "Big Data" zu den "Bad Data" sei nicht mehr weit und es komme zum offensichtlichen Paradox: Auch wenn die Daten heute viel detaillierter seien, sei die tatsächliche Zuverlässigkeit der Zahlen nicht unbedingt größer geworden.

In diesem Zusammenhang lohne sich ein Blick über den Ärmelkanal: Die stets pragmatisch agierende Bank of England veröffentliche mittlerweile zahlreiche Daten in Form von Spannen und verzichte auf exakte Zahlen. Die Mitteilung, dass das Wachstum in England im Jahr 2015 zwischen 2 und 3 Prozent gelegen habe, sehe zwar auf den ersten Blick weniger ehrgeizig aus als die Behauptung, dass es bei 2,5 Prozent gelegen habe, sei aber bei näherer Betrachtung zweifellos ehrlicher.

Wenn Anleger die veröffentlichten Statistiken auf der Grundlage dieser Betrachtungen relativieren würden, dürfte ihnen dies zu mehr Gelassenheit verhelfen. Ebenso die Betrachtung weniger wichtiger aber mitunter durchaus relevanter Statistiken. Ein Beispiel? Heute würden 50 Prozent der Menschen in Shanghai ihre Mahlzeiten nicht mehr alleine zubereiten, sondern würden sie sich liefern lassen. Diese Zahl sei letztendlich aussagekräftiger als ein unsicheres BIP und sie beruhige - sowohl in Bezug auf den Wandel der chinesischen Wirtschaft in Richtung einer Dienstleistungswirtschaft als auch in Bezug auf die Wachstumsaussichten der zweitgrößten weltweiten Wirtschaft. (07.04.2016/fc/a/m)