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Was das Jahr 2016 für die Anleger bereithält


02.12.15 07:37
Vontobel Asset Management

Frankfurt (www.fondscheck.de) - Vor dem Jahreswechsel die Prognosen zu aktualisieren, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen von Ökonomen, so Christophe Bernard, Vontobel-Chefstratege.

Die Experten von Vontobel Asset Management bei Vontobel sind in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Aus ihrer Sicht lasse sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die robuste Wirtschaftsdynamik in den USA anhalte, und sie seien dementsprechend positioniert. Die Aussichten für den Rest der Welt seien weniger klar. Die Anleger sollten deshalb sehr selektiv vorgehen und gegen Überraschungen gewappnet sein, insbesondere was den Ölpreis betreffe. Dank ihrer beträchtlichen Cash-Position könnten die Experten Marktchancen nutzen. Um das Bild abzurunden, würden sie die Treffsicherheit ihrer früherer Prognosen prüfen - ein nützliches, wenngleich manchmal ernüchterndes Unterfangen.

Ein Vergleich der ursprünglichen Wirtschaftsprognosen der Experten für 2015 mit den effektiven Daten zeige, dass die Entwicklung der Weltwirtschaft geringfügig hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben sei. Verantwortlich hierfür seien aber weder die USA, wo das erste Quartal aufgrund des unerwartet harten Winters schwach ausgefallen sei, noch die Eurozone, die sich als bewundernswert widerstandsfähig erwiesen habe. Der Grund für das Auseinanderklaffen von Erwartung und Realität sei die flaue Konjunktur der aufstrebenden Volkswirtschaften. Der Doppeleffekt aus Konjunkturabkühlung in China und Rohstoffpreisverfall habe die "Emerging Markets" schwer getroffen, namentlich Brasilien und Russland.

Die Experten würden erwarten, dass die US-Wirtschaft auch 2016 als Motor der Weltwirtschaft fungiere, einen Gang höher schalte und mit 2.8 Prozent wachse, nach 2,6 Prozent im Jahr 2015. Die kräftige Binnennachfrage werde dazu beitragen, die Negativeffekte der schwachen Exporte und stagnierenden Industrietätigkeit zu dämpfen. Insgesamt würden die US-Fundamentaldaten gut unterstützt bleiben, weil der erstarkte Arbeitsmarkt den Konsum befeuere, der für 69 Prozent des US-Bruttoinlandprodukts verantwortlich sei.

Angesichts des festen US-Dollars, des eher trüben Ausblicks für die "Emerging Markets" und des geringen Preisdrucks würden die Experten damit rechnen, dass die US-Notenbank (FED) sehr behutsam vorgehe, die Zinsen erstmals im Dezember 2015 anhebe und 2016 bezüglich des Tempos der geldpolitischen Straffung vorsichtig agiere. Die Eurozone profitiere vom schwächeren Euro, einer anhaltenden Erholung in der so genannten Peripherie und einer etwas expansiveren Fiskalpolitik in manchen Ländern. Der Übergang der chinesischen Wirtschaft von einem export- und industriegetriebenen Wirtschaftsmodell zu einer Dienstleistungswirtschaft werde die Exporte der Schwellenländer nach China und die Rohstoffpreise generell jedoch nachhaltig unter Druck setzen.

Was bedeute dies für die Finanzmärkte? Die Kombination aus moderatem Weltwirtschaftswachstum und mehrheitlich expansiver Geldpolitik komme riskanteren Vermögenswerten wie Aktien zugute. Die Bewertungen seien bestenfalls fair und die Gewinne der Unternehmen würden kaum wachsen. Infolge des moderaten Aufwärtspotenzials und der anziehenden Volatilität sei beim Anlegen ein zunehmend taktischer Ansatz gefragt, wobei der Titelauswahl zentrale Bedeutung zukomme. In einem solchen Umfeld würden die Experten erwarten, dass Staatsanleihen von den so genannten Kernländern der Eurozone - allen voran deutsche "Bunds" - und US-Treasuries geringe Verluste erleiden würden. Gleichzeitig dürfte sich das Segment der Unternehmensanleihen, beispielsweise hochverzinsliche Papiere, gut behaupten, da eine Rezession ziemlich unwahrscheinlich sei.

Ob sich Aktien und Anleihen der aufstrebenden Volkswirtschaften erholen würden, hänge stark von der Stabilisierung der Rohstoffpreise ab. Die aktuelle Reaktion auf der Angebotsseite scheine indes nicht auszureichen, um die Märkte ins Gleichgewicht zu bringen, denn die Produzenten würden versuchen, das Angebot aufrechtzuerhalten oder sogar zu erhöhen, um ihre Geldzuflüsse zu verteidigen. In diesem Umfeld trete die geldpolitische Divergenz offen zutage: Das FED werde höchstwahrscheinlich an seinem Treffen vom 15./16. Dezember die Zinsen erhöhen, während die Europäische Zentralbank bereits "indirekt angekündigt" habe, ihr Wertpapierkaufprogramm am 3. Dezember auszuweiten. Solche Divergenzen dies- und jenseits des Atlantik würden dem US-Dollar zusätzlichen Auftrieb verleihen, obwohl die Währung nicht mehr günstig sei. Unter dem Strich seien die Aussichten auf hohe Renditen auf den Finanzmärkten relativ verhalten, da hyperaktive Währungshüter die Bewertungen in die Höhe getrieben hätten.

In ihrem Hauptszenario gehen die Experten von Vontobel Asset Management davon aus, dass sich das globale Wachstum außerhalb der USA stabilisiert. Ein wirklich pessimistisches Nebenszenario sähe hingegen wie folgt aus: Eine Welle von Zahlungsausfällen in den aufstrebenden Volkswirtschaften, wo die Verschuldung der Unternehmen gestiegen sei, könnte das Vertrauen der Anleger erschüttern und das Wirtschaftswachstum sowie die Unternehmensgewinne erheblich beeinträchtigen. Sorge bereite zudem der Aufstieg von politischen Parteien in Europa, die das Ende der Sparpolitik befürworten und sogar die Grundsätze der Institutionen und der Politik der Region infrage stellen würden.

Dagegen könnte eine robuste US-Konjunktur - und dies sei das optimistischere Nebenszenario der Experten (in Bezug auf die Wirtschaft, nicht unbedingt auf die Finanzmärkte) - den Rest der Welt aus ihrer Lethargie heraushelfen und die Grundlage für eine Trendwende bei den Rohstoffpreisen legen. Dies wiederum würde bewirken, dass das FED die Zinszügel deutlich schneller als erwartet straffe, was die Preise von Staatsanleihen und Vermögenswerten, die in den vergangenen Jahren von der Renditejagd profitiert hätten, belasten würde. In diesem Fall könnte man eine Erholung in den Bereichen sehen, die von den Marktteilnehmern am meisten gemieden worden seien, nämlich in "Emerging Markets" und bei Rohstoffproduzenten.

Tatsächlich seien die Aussichten für die Rohstoffpreise und insbesondere für Öl ein zentraler Faktor für 2016, denn diese Preise würden die Ertragskraft in wichtigen Aktiensektoren und die Bonität zahlreicher Schwellenländeremittenten erheblich beeinflussen. Wann werde Saudi-Arabien zum Schluss kommen, dass seine Strategie, hauptsächlich von US-Schieferölproduzenten "teuer gefördertes" Öl aus dem Markt zu drängen, erfolgreich gewesen sei? Werde der Zusammenbruch der Einnahmen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) ein strategisches Umdenken bewirken?

Ihr Hauptszenario für 2016, bei dem die Experten von Vontobel Asset Management die Eintrittswahrscheinlichkeit auf 60 Prozent einstufen, trägt den Titel "Robuste US-Konjunktur, flaues globales Wachstum". Ihre Portfolios seien dementsprechend positioniert: Die Experten würden risikobehaftete Anlageklassen größtenteils neutral beurteilen, seien in Staatsanleihen, in den "Emerging Markets" und in Rohstoffen "untergewichtet" und im US-Dollar "übergewichtet". Sie würden zudem überdurchschnittlich viel Liquidität halten, um kommende Marktchancen nutzen zu können. Selbstverständlich hänge der Grad ihrer Überzeugung von den globalen Bedingungen ab. Je nachdem, wie die Wirtschaftsdaten ausfallen würden, würden die Experten neu beurteilen müssen, welches ihrer Szenarien wahrscheinlicher werde. Dabei würden sie jederzeit die Entwicklung der verschiedenen Anlageklassen im Auge behalten. (Ausgabe vom 01.12.2015) (02.12.2015/fc/a/m)