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Was ist aus China geworden?


01.03.16 11:37
Danske Invest

Kopenhagen (www.fondscheck.de) - Ich investiere nun schon seit über zehn Jahren an den globalen Märkten, davon knapp sieben Jahre in China, so Bo Bejstrup Christensen, Chefanalytiker bei Danske Invest.

Dennoch verblüffe es den Experten immer noch - auch dieses Mal -, wie schnell die Finanzmärkte ihren Fokus ändern könnten. In den ersten Tagen des neuen Jahres habe sich alles um die chinesische Währung gedreht, die unerwartet an Wert verloren habe. Blitzschnell habe sich der Fokus auf die negativen Folgen der niedrigen Ölpreise verschoben, dann auf eine amerikanische Rezession und schließlich auf die europäischen Banken. Über China spreche fast niemand mehr. Was sei in China los und wie sehe es mit der berüchtigten Währung aus?

Eine Ursache dafür, dass China nicht mehr im Fokus der Anleger stehe, sei ganz einfach die, dass sich China sozusagen in den Winterschlaf verabschiedet habe. Das chinesische Neujahrsfest sei gerade vorbei, aber immer noch stehet China mehr oder weniger still. Millionen von Menschen seien zu Hause und würden fast eine Woche lang Neujahr mit ihrer Familie feiern, darunter auch die vielen Wanderarbeiter, die täglich die Fabriken und Fließbänder des Landes am Laufen halten würden. Der Stillstand während des Jahreswechsels gehöre zur Geschichte - die saisonale Anpassung der Daten im Januar und Februar sei traditionsgemäß schwierig. Das habe bereits vor einigen Jahren zu großer Unsicherheit geführt, da der Markt sein Augenmerk auf die schwachen Daten vom Januar gelegt habe, die erst zu einem späteren Zeitpunkt durch die starken Ergebnisse im Februar aufgewogen worden seien.

In den letzten Jahren habe die Regierung vernünftigerweise darauf verzichtet, den Großteil der Daten für diese beiden Monate einzeln zu veröffentlichen, sondern habe das nun gesammelt im März getun. Eine Ursache, warum es um China still geworden sei, liege deshalb ganz einfach darin, dass die Märkte sich momentan in einem Vakuum befinden würden. Es gebe nur wenige Daten, an denen man sich orientieren könne, und aktuell seien keine Nachrichten fast als gute Nachrichten zu interpretieren.

Das große Währungsspektakel in China zu Jahresbeginn sei ein Irrtum gewesen. Als sich an den Märkten ernsthaft Panik breitgemacht habe, habe die Regierung zum guten alten System zurückgerudert, nämlich die Währung gegenüber dem US-Dollar stabil zu halten. Somit sei sie gegenüber dem US-Dollar vom 11. Januar bis zum 12. Februar fast beständig auf dem gleichen Niveau geblieben. Zuletzt sei sie gegenüber dem US-Dollar wieder gestiegen, sodass sie sich bis dato fast wieder auf Jahresanfangsniveau befinde.

Im Vergleich zum breiten Währungskorb, den die Chinesen letztes Jahr veröffentlicht hätten, sei die chinesische Währung allerdings noch etwas geschwächt. Wenn man einen Schritt zurückgehe, sei das größte Problem jedoch gewesen, dass die Märkte nicht genau verstanden hätten, was die Chinesen mit ihrer Währung vorgehabt hätten. Und hier sei einiges passiert: Der chinesische Notenbankchef Zhou Xiaochuan habe letztes Wochenende eine lange und detaillierte Pressekonferenz abgehalten - was nicht oft geschehe. Hier habe er auf Fragen der chinesischen Pressevertreter geantwortet und zu erklären versucht, was die Zentralbank gerne erreichen wolle.

Bei uns sind insbesondere drei primäre Botschaften des Notenbankchefs Zhou Xiaochuan in Erinnerung geblieben, so Bo Bejstrup Christensen.

Erstens möchte er keine unnötige Nervosität verursachen. Das bedeute, dass die Zentralbank die Währung in den Phasen, in denen der Markt übertrieben nervös sei, stabil halte - so wie derzeit der Fall. Und wie man zuvor schon oft diskutiert habe, habe China mit seinem großen jährlichen Handelsüberschuss von 600 Mrd. USD, Währungsreserven von über 3000 Mrd. USD und einer begrenzten Auslandsverschuldung die Mittel, die man für eine Währungsstabilisierung über einen langen Zeitraum benötige.

Zweitens sei genau dieser große Handelsbilanzüberschuss ein Zeichen dafür, dass die Währung nicht fundamental überbewertet sei. Anders ausgedrückt: China gewinne auf globaler Ebene immer noch Marktanteile hinzu, was nicht gerade darauf hindeute, dass die Währung zu teuer sei. Xiaochuan sei zu dem Schluss gekommen, dass abgesehen von spekulativen Angriffen und kurzfristigen Kapitalabflüssen keine fundamentale Notwendigkeit bestehe, die Währung abzuwerten.

Letztendlich habe er erklärt, dass sich China langfristig immer noch eine frei schwankende und marktbestimmte Währung wünsche. Man habe aber gleichzeitig zwischen den Zeilen lesen können, dass dieser Prozess nach den Vorstellungen Chinas laufen werde.

Die Schlussfolgerung sei klar: China wolle keine Katastrophenszenarien und Unsicherheit auslösen - der lange Weg hin zu einer flexibleren Währung sei intakt. Auf kurze Sicht erwarte man weiterhin Stabilität. Langfristig sei das Tempo, mit dem die Währung gegenüber dem US-Dollar abwerte, davon abhängig, wie schnell und stark die amerikanische Notenbank die Zinsen anhebe.

Die Einschätzung bleibe jedoch unverändert: China werte seine Währung nicht ab, teils weil es dafür fundamental keinen Bedarf gebe, teils weil das das denkbar schlechteste Signal wäre. Falls es doch passiere, werde der Markt nur noch stärker versuchen, die Währung weiter nach unten zu drücken.

Die guten Neuigkeiten würden hier aber noch nicht aufhören. Die Experten würden seit Ende 2015 prognostizieren, dass das Wachstum in China in den ersten Monaten im neuen Jahr zurückgehen würde. Auch wenn sie langfristig nach wie vor ein schwächeres strukturelles Wachstum erwarten würden, gebe es Lichtblicke.

Die kurzfristige Analyse des chinesischen Wachstumszyklus basiere in hohem Maße auf dem Immobilienmarkt und der Kreditvergabe. Was den Immobilienmarkt betreffe, habet China in den letzten Wochen einige Lockerungen seiner restriktiven Immobilienpolitik angekündigt. So müssten Erstkäufer nur noch 20 Prozent anzahlen und nicht mehr 30 Prozent. Das sollte ausreichen, um die Aktivitäten auf dem Immobilienmarkt bis zum Sommer zu stabilisieren.

Gleichzeit scheine die Kreditvergabe zugenommen zu haben. Es sei bestimmt nicht alles Gold, was glänze, und langfristig würden die Experten weiterhin zur Vorsicht in Bezug auf China und die Schwellenländer im Allgemeinen mahnen, aber auf kurze Sicht werde der Fokus der Regierung auf die Unterstützung des Wachstums funktionieren.

Hinsichtlich der deutlichen Skepsis und Verwirrung rund um China würden die Experten daher damit rechnen, dass das Land im Laufe des Frühjahrs zu einer Stabilitätsquelle werde - und das seien gute Nachrichten für globale Aktien, besonders, wenn man an die vielen Weltuntergangsapostel denke, die einen Währungskollaps, eine Finanzkrise und eine dezidierte Rezession prophezeien würden. Das sei ein weiterer Grund, warum die Experten an ihrer positiven Einstellung gegenüber Aktien festhalten würden. (01.03.2016/fc/a/m)