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Der chinesische Riese kommt nur langsam voran
01.04.15 10:08
Vontobel Asset Management
Frankfurt (www.fondscheck.de) - Zum ersten Mal seit der Einführung marktwirtschaftlicher Reformen durch den früheren Ministerpräsidenten Deng Xiaoping Ende der 1970er-Jahre schwächt sich das chinesische Wirtschaftswachstum deutlich ab, so Christophe Bernard, Chefstratege von Vontobel Asset Management.
Nach Werten von zehn Prozent oder mehr seien nunmehr jährliche Wachstumsraten von rund sieben Prozent zu verzeichnen. In einer entscheidenden Sitzung im November 2013 habe sich die dritte Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei mit dem Ausmaß der Ungleichgewichte in der chinesischen Wirtschaft sowie der mangelnden Nachhaltigkeit des von Exporten und hohen Investitionen getragenen Wirtschaftsmodells befasst. Diese wirtschaftlichen Ungleichgewichte würden auf die massive kreditgestützte Expansion zurückgehen, die von 2009 bis 2011 als Antwort auf die " große Finanzkrise" stattgefunden habe und eine ausgeprägte Immobilienblase sowie Überkapazitäten in zahlreichen Branchen zur Folge gehabt habe.
Die neue Führung, die 2013 das Ruder übernommen habe, habe einen langfristigen Reformplan vorgelegt, der eine stärker am Markt orientierte Preisbildung, eine Verlagerung auf konsumbasiertes Wachstum und eine allmähliche Liberalisierung des Finanzsektors beinhalte. Bestes Beispiel für diesen Übergang zu einer Stärkung des Dienstleistungssektors und des Binnenkonsums sei der Börsengang des chinesischen E-Commerce-Giganten Alibaba Group an der New Yorker Börse im September 2014.
Im März 2015 hätten die führenden Mitglieder der Kommunistischen Partei das Ziel bekräftigt, die chinesische Wirtschaft zu reformieren. Sie hätten dabei eingeräumt, dass es eine Herausforderung sein werde, den Sollwert von sieben Prozent beim Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Jahr 2015 zu erreichen. Dieses Ziel sei in der Tat hoch gesteckt, denn ein Abbau solcher wirtschaftlicher Ungleichgewichte führe in der Regel zum Platzen von Immobilienblasen, zu Rezession, einem massiven Anstieg der Kreditrisiken bei den Banken und einem drastischen Gewinnrückgang im Industriesektor. In einer offenen Volkswirtschaft - die China nicht sei - wäre dies üblicherweise mit einer erheblichen Währungsabwertung verbunden.
All diese Entwicklungen seien für die politische Elite Chinas inakzeptabel, da sie einen Bruch mit dem Sozialpakt bedeuten und die Herrschaft der Partei untergraben könnten. Dank der riesigen Währungsreserven Chinas und einer relativ schuldenfreien Zentralregierung könne die Führung Infrastrukturinvestitionen nach ihrem Gutdünken beeinflussen, ohne den Staatshaushalt zu gefährden. Von wesentlicher Bedeutung sei dabei, dass die Stärke des Chinesischen Yuan oder Renminbi und der Verfall der Rohstoffpreise derzeit die Inflation dämpfen würden. Dies könne die Tür zu einer weiteren Lockerung der ohnehin schon expansiven Geldpolitik öffnen.
In Zeiten, in denen die Privathaushalte von Bar - und Immobilienanlagen in Aktien umschichten würden, helfe dies dem Aktienmarkt. Entsprechend hätten lokale Aktien, die so genannten A Aktien, die in Schanghai notiert seien, seit vergangenem Sommer enorme Kursgewinne verzeichnet. Demgegenüber würden H-Aktien (in Hongkong notierte chinesische Aktien, die im MSCI China abgebildet würden) mittlerweile mit einem erheblichen Abschlag gehandelt. Die Experten würden angesichts der attraktiven Bewertungen und der anhaltenden Unterstützung durch die hohe Liquidität an ihrer "Übergewichtung" chinesischer Aktien festhalten.
Gleichzeitig seien sich die Experten bewusst, dass der Übergang zu einer marktorientierten Volkswirtschaft enorme Risiken berge. Ein Faktor, der Kopfzerbrechen bereite, sei die demografische Entwicklung: Der so genannte Altersabhängigkeitsquotient - ein Maßstab für den nicht erwerbstätigen Bevölkerungsanteil im Verhältnis zu m erwerbstätigen Teil - sei am Steigen. Das heiße, die mit einer alternden Gesellschaft verbundenen Probleme würden beginnen sich zu manifestieren. Gleichzeitig verringere sich der wirtschaftliche Nutzen der schnellen Verstädterung. Alles in allem würden den Experten die offiziellen mittelfristigen Wachstumsziele daher unrealistisch erscheinen.
Anders als in China würden die Gesetze der Physik an den globalen Finanzmärkten uneingeschränkt gelten. Ein Beispiel hierfür sei das Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) für Staatspapiere der Eurozone, das mit einem Volumen von monatlich 60 Milliarden Euro gigantisch sei. Als Folge davon würden Staatsanleihen hoher Kreditqualität aus dem Markt verschwinden, was wiederum dazu führe, dass in vielen Ländern - allen voran in Deutschland - die Renditen von Staatsanleihen in negatives Terrain absinken würden. Dadurch könne sich trotz besserer Fundamentaldaten in den USA die US-Renditekurve nicht von der Bund-Kurve abkoppeln, denn den Renditeunterschieden zwischen zehnjährigen US-Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen seien physische Grenzen gesetzt. Die notwendige Anpassung müsse daher voll und ganz über den US-Dollar erfolgen, der langfristig unter Aufwärtsdruck stehe. Dadurch würden sich die US-Exporte und entsprechend das Wirtschaftswachstum der USA abschwächen, und die Inflation bleibe gedämpft.
Inzwischen habe die US-Zentralbank FED das Damoklesschwert über den Finanzmärkten praktisch entfernt, indem sie die Erwartungen einer unmittelbar bevorstehenden Straffung ihrer Geldpolitik gedämpft habe. Die Währungshüter hätten das Wort "Geduld" aus ihrer jüngsten Stellungnahme zu möglichen Zinserhöhungen gestrichen. Doch die FED-Vorsitzende Janet Yellen habe sofort klargestellt, dies heiße nicht, dass sie im Hinblick auf künftige Zinserhöhungen nun "ungeduldig" sei. Zudem habe die US-Notenbank ihre kurzfristigen Wachstums - und Inflationsprognosen deutlich herabgesetzt. Daneben würden die neuen Zinsprognosen der FED-Mitglieder - sie würden in einer Punktgrafik (Spitzname "dot plot") dargestellt - auf ein moderates Tempo bei einer künftigen Straffung der Geldpolitik schließen lassen.
Insgesamt würden die Experten bei ihrer weitgehend positiven Einschätzung von Risikoanlagen bleiben, da die Geldpolitik locker bleibe. Zudem stabilisiere sich das globale Wachstum dank eines verbesserten Ausblicks für die Eurozone. Die Experten hätten ihr Engagement im US-Dollar nach kräftigen Gewinnen im Zusammenhang mit diesem Investment reduziert, weil ihnen das Risiko-Rendite-Profil nun weniger attraktiv erscheine. Allerdings würden sie die "Übergewichtung" des US-Dollar beibehalten. Gleichzeitig seien sich die Experten darüber im Klaren, dass die Liquiditätsspritzen der Zentralbanken bei allen Anlageklassen zu überhöhten Bewertungen führen würden. Das bedeutet, dass wir Märkte und Wertpapiere, in die wir investieren, sorgfältig auswählen und hinsichtlich möglicher Wendepunkte wachsam bleiben müssen, so die Experten von Vontobel Asset Management. (01.04.2015/fc/a/m)
Nach Werten von zehn Prozent oder mehr seien nunmehr jährliche Wachstumsraten von rund sieben Prozent zu verzeichnen. In einer entscheidenden Sitzung im November 2013 habe sich die dritte Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei mit dem Ausmaß der Ungleichgewichte in der chinesischen Wirtschaft sowie der mangelnden Nachhaltigkeit des von Exporten und hohen Investitionen getragenen Wirtschaftsmodells befasst. Diese wirtschaftlichen Ungleichgewichte würden auf die massive kreditgestützte Expansion zurückgehen, die von 2009 bis 2011 als Antwort auf die " große Finanzkrise" stattgefunden habe und eine ausgeprägte Immobilienblase sowie Überkapazitäten in zahlreichen Branchen zur Folge gehabt habe.
Die neue Führung, die 2013 das Ruder übernommen habe, habe einen langfristigen Reformplan vorgelegt, der eine stärker am Markt orientierte Preisbildung, eine Verlagerung auf konsumbasiertes Wachstum und eine allmähliche Liberalisierung des Finanzsektors beinhalte. Bestes Beispiel für diesen Übergang zu einer Stärkung des Dienstleistungssektors und des Binnenkonsums sei der Börsengang des chinesischen E-Commerce-Giganten Alibaba Group an der New Yorker Börse im September 2014.
Im März 2015 hätten die führenden Mitglieder der Kommunistischen Partei das Ziel bekräftigt, die chinesische Wirtschaft zu reformieren. Sie hätten dabei eingeräumt, dass es eine Herausforderung sein werde, den Sollwert von sieben Prozent beim Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Jahr 2015 zu erreichen. Dieses Ziel sei in der Tat hoch gesteckt, denn ein Abbau solcher wirtschaftlicher Ungleichgewichte führe in der Regel zum Platzen von Immobilienblasen, zu Rezession, einem massiven Anstieg der Kreditrisiken bei den Banken und einem drastischen Gewinnrückgang im Industriesektor. In einer offenen Volkswirtschaft - die China nicht sei - wäre dies üblicherweise mit einer erheblichen Währungsabwertung verbunden.
In Zeiten, in denen die Privathaushalte von Bar - und Immobilienanlagen in Aktien umschichten würden, helfe dies dem Aktienmarkt. Entsprechend hätten lokale Aktien, die so genannten A Aktien, die in Schanghai notiert seien, seit vergangenem Sommer enorme Kursgewinne verzeichnet. Demgegenüber würden H-Aktien (in Hongkong notierte chinesische Aktien, die im MSCI China abgebildet würden) mittlerweile mit einem erheblichen Abschlag gehandelt. Die Experten würden angesichts der attraktiven Bewertungen und der anhaltenden Unterstützung durch die hohe Liquidität an ihrer "Übergewichtung" chinesischer Aktien festhalten.
Gleichzeitig seien sich die Experten bewusst, dass der Übergang zu einer marktorientierten Volkswirtschaft enorme Risiken berge. Ein Faktor, der Kopfzerbrechen bereite, sei die demografische Entwicklung: Der so genannte Altersabhängigkeitsquotient - ein Maßstab für den nicht erwerbstätigen Bevölkerungsanteil im Verhältnis zu m erwerbstätigen Teil - sei am Steigen. Das heiße, die mit einer alternden Gesellschaft verbundenen Probleme würden beginnen sich zu manifestieren. Gleichzeitig verringere sich der wirtschaftliche Nutzen der schnellen Verstädterung. Alles in allem würden den Experten die offiziellen mittelfristigen Wachstumsziele daher unrealistisch erscheinen.
Anders als in China würden die Gesetze der Physik an den globalen Finanzmärkten uneingeschränkt gelten. Ein Beispiel hierfür sei das Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) für Staatspapiere der Eurozone, das mit einem Volumen von monatlich 60 Milliarden Euro gigantisch sei. Als Folge davon würden Staatsanleihen hoher Kreditqualität aus dem Markt verschwinden, was wiederum dazu führe, dass in vielen Ländern - allen voran in Deutschland - die Renditen von Staatsanleihen in negatives Terrain absinken würden. Dadurch könne sich trotz besserer Fundamentaldaten in den USA die US-Renditekurve nicht von der Bund-Kurve abkoppeln, denn den Renditeunterschieden zwischen zehnjährigen US-Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen seien physische Grenzen gesetzt. Die notwendige Anpassung müsse daher voll und ganz über den US-Dollar erfolgen, der langfristig unter Aufwärtsdruck stehe. Dadurch würden sich die US-Exporte und entsprechend das Wirtschaftswachstum der USA abschwächen, und die Inflation bleibe gedämpft.
Inzwischen habe die US-Zentralbank FED das Damoklesschwert über den Finanzmärkten praktisch entfernt, indem sie die Erwartungen einer unmittelbar bevorstehenden Straffung ihrer Geldpolitik gedämpft habe. Die Währungshüter hätten das Wort "Geduld" aus ihrer jüngsten Stellungnahme zu möglichen Zinserhöhungen gestrichen. Doch die FED-Vorsitzende Janet Yellen habe sofort klargestellt, dies heiße nicht, dass sie im Hinblick auf künftige Zinserhöhungen nun "ungeduldig" sei. Zudem habe die US-Notenbank ihre kurzfristigen Wachstums - und Inflationsprognosen deutlich herabgesetzt. Daneben würden die neuen Zinsprognosen der FED-Mitglieder - sie würden in einer Punktgrafik (Spitzname "dot plot") dargestellt - auf ein moderates Tempo bei einer künftigen Straffung der Geldpolitik schließen lassen.
Insgesamt würden die Experten bei ihrer weitgehend positiven Einschätzung von Risikoanlagen bleiben, da die Geldpolitik locker bleibe. Zudem stabilisiere sich das globale Wachstum dank eines verbesserten Ausblicks für die Eurozone. Die Experten hätten ihr Engagement im US-Dollar nach kräftigen Gewinnen im Zusammenhang mit diesem Investment reduziert, weil ihnen das Risiko-Rendite-Profil nun weniger attraktiv erscheine. Allerdings würden sie die "Übergewichtung" des US-Dollar beibehalten. Gleichzeitig seien sich die Experten darüber im Klaren, dass die Liquiditätsspritzen der Zentralbanken bei allen Anlageklassen zu überhöhten Bewertungen führen würden. Das bedeutet, dass wir Märkte und Wertpapiere, in die wir investieren, sorgfältig auswählen und hinsichtlich möglicher Wendepunkte wachsam bleiben müssen, so die Experten von Vontobel Asset Management. (01.04.2015/fc/a/m)


