...Sie habe sich von Emotionen leiten lassen statt von der Vernunft, gleich zweimal hintereinander die Nerven verloren und Deutschland in ein Abenteuer gestürzt. Einer ihrer Biografen, Stefan Kornelius von der «Süddeutschen Zeitung», schrieb von der grössten «politischen Fehleinschätzung» ihrer zehn Jahre als Kanzlerin.
Die Kritiken treffen zu und wirken dennoch überzogen. Stichhaltig ist der Vorwurf, Merkel habe Hoffnungen geweckt, die Deutschland nicht erfüllen konnte. Gleichzeitig war die Wende der Wende typisch für sie. So sehr sie es verabscheut, die Kontrolle zu verlieren, so schnell passt sie sich in Krisensituationen an die neuen Erfordernisse an und revidiert ihre Positionen, notfalls radikal. Das war in der Finanz- und der Eurokrise so und auch nach Fukushima, es wird in der Flüchtlingskrise nicht anders sein. «Die Bundesregierung handelt immer so, wie die Lage es erfordert», sagte Merkels Sprecher. Die Kanzlerin hat in der Flüchtlingskrise offenkundig keinen fixen Plan, nur Verpflichtungen, Stimmungen und Ziele. Und ohne fixen Plan wird es vermutlich auch weitergehen – neue Überraschungen eingeschlossen.
Angela Merkel ist seit zehn Jahren Kanzlerin. In der Flüchtlingskrise geht sie ein hohes Risiko ein – für Deutschland und für sich selbst. |