ftd.de, Mi, 23.10.2002, 17:52 Eichel nimmt Lebensversicherungen steuerlich unter die Lupe
Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) will nach eigenen Aussagen den Abbau von Steuervergünstigungen vorantreiben. Dieser Überprüfung könnte die Steuerbefreiung von Lebensversicherungen zum Opfer fallen.
Weiter gefördert werde natürlich die Altersvorsorge, sagte Eichel der "Wirtschaftswoche". Der Abbau steuerlicher Ausnahmen werde "für viele hart und schmerzhaft" werden, aber zu radikalen Vereinfachungen führen. Über die Ausgestaltung der in den Koalitionsverhandlungen vereinbarten stärkeren Besteuerung von Aktienerlösen ist laut Eichel noch nicht das letzte Wort gesprochen. Eichel äußerte sich optimistisch, für das Konsolidierungspaket eine Mehrheit im unionsbeherrschten Bundesrat zu finden.
Eine Sprecherin des Ministeriums warnte vor falschen Interpretationen des Interviews, das die "Wirtschaftswoche" vorab in einer redaktionellen Kurzfassung verbreitet hatte. Weder habe der Minister ein neues Kürzungspaket über das zwischen SPD und Grünen hinaus vereinbarte angekündigt, noch habe er selbst über die Besteuerung von Lebensversicherungen gesprochen.
Eichel: Altervorsorge wird weiter gefördert
Auf die Frage, ob Aktionäre bei verschärfter Besteuerung nicht eher auf Lebensversicherungen umsteigen oder ob auch deren Steuerprivileg fallen solle, sagte Eichel laut Vorabdruck des gesamten Interviews aber: "Wir werden uns das genau ansehen. Im Zusammenhang mit der steuerlichen Regelung der Altersvorsorge. Die soll natürlich weiter gefördert werden. Aber wenn man alles als Altersvorsorge gelten ließe, gäbe es keine Steuereinnahmen mehr." Die Klärung, was Altersvorsorge ist und steuerbefreit ist und was als Geldanlage anzusehen ist und besteuert werden soll, werde erfolgen, wenn der Bericht der Regierungskommission zur Neuregelung der Altersvorsorge im nächsten Frühjahr vorliege.
Zinsen aus Lebensversicherungen sind derzeit steuerbefreit, wenn der Vertrag länger als 12 Jahre gehalten wird. Damit dienen sie nicht automatisch immer der Altersvorsorge, sondern auch der Geldanlage.
Durch das Kürzungspaket bei Ausgaben und Steuervergünstigungen will der Bund 2003 rund 14 Mrd. Euro einsparen. Neben einer faktischen Mindestbesteuerung von Großunternehmen mit ausgewiesenen Gewinnen sowie einer Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes für bestimmte Güter von Zahnprothesen bis Blumen von 7 auf 16 Prozent ist unter anderem auch die verschärfte Aktien-Besteuerung geplant. Dabei soll die bisherige Spekulationsfrist von einem Jahr entfallen und der Erlös aus Wertpapierverkäufen von Anfang an besteuert werden. Diese rot-grünen Vereinbarungen werden jetzt in Einzelheiten überarbeitet.
20.000 Vorschriften sollen wegfallen
Steuern auf Aktienkursgewinne gebe es auch in den USA oder in Großbritannien, sagte Eichel zu der am Finanzmarkt befürchteten Kapitalflucht. "So wie Arbeitseinkommen nach der Leistungsfähigkeit besteuert werden, muss das auch für Kapitaleinkommen gelten. In der Vergangenheit sind häufig Aktien oder andere Wertpapiere während der Spekulationsfrist von einem Jahr mit Gewinn verkauft worden, ohne dass der Erlös dem Finanzamt gemeldet wurde. Das wollen wir auch aus Gerechtigkeitsgründen mit Kontrollmitteilungen (der Banken an den Fiskus) ändern."
Mit der geplanten Änderung von 53 Steuergesetzen will Eichel vor allem den Abbau steuerlicher Subventionen bestimmter Branchen in Angriff nehmen. Sie verzerrten den marktwirtschaftlichen Prozess und seien "ungerecht, weil alle dafür aufkommen müssen, der Nutzen aber nur einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe zufällt". Von etwa 70.000 Steuervorschriften wolle er 20.000 streichen, betonte der Minister. © 2002 Financial Times Deutschland
Quelle: http://www.ftd.de/pw/de/1035086412386.html?nv=hptn |