Am Schiffsunglück vor Italien lässt sich verdienen.
Es ist eine Tragödie: Die Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio brachte den Passagieren Leid, einigen von ihnen den Tod. Seit vergangenen Freitag liegt das Schiff im Wasser, aufgeschlitzt von einem Felsen, droht in tieferes Wasser abzurutschen und vollständig zu sinken.
Die Börse reagierte schnell, die Aktien der großen Kreuzfahrtgesellschaften fielen. Die Papiere der Carnival-Gruppe, zu der auch die Reederei der Costa Concordia gehört, notierten am Montag an der Londoner Börse um rund 20 Prozent im Minus.
Man soll ja kaufen, wenn die Kanonen donnern, lautet eine alte Börsenweisheit. Aber gilt sie auch, wenn Schiffe sinken? Ein Abschlag um ein Fünftel schafft gute Einstiegskurse, und das Kreuzfahrtgeschäft wächst. Diese Form des Tourismus ist vor allem bei älteren Menschen beliebt, und angesichts der demografischen Entwicklung in vielen wohlhabenden Ländern dürfte die Kundschaft weiter wachsen.
Der Vorwurf, dies sei zynisch und man wolle bloß vom Leid der Opfer profitieren, trägt aber nicht. Man denke bloß an Investitionen in Aktien von Tabakfirmen oder Rüstungsproduzenten, oder in die von Hightechunternehmen, die ihre Produkte unter üblen Bedingungen von asiatischen Billigstlöhnern zusammenschrauben lassen. Auch dort gibt es Leid, es ist oft sogar größer und nachhaltiger, allerdings liefert es nur selten spektakuläre und eindeutige Bilder. Deswegen bewerten wir es anders.
Wer nach dem Schiffsunglück Kreuzfahrtaktien kauft, will nicht am Leid der Opfer, sondern lediglich am Schockeffekt verdienen – einer kurzfristigen Übertreibung der erwarteten Folgen ins Negative. Das Unglück der Bohrplattform Deepwater Horizon bedeutete nicht das Ende der Ölindustrie, obwohl der Aktienkurs von BP genau das suggerierte. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren nicht das Ende der zivilen Luftfahrt, auch wenn die Kurse der Fluggesellschaften das nahelegten. Es werden weiterhin Kreuzfahrtschiffe ablegen. Ganz sicher.
http://www.zeit.de/2012/04/F-Kreuzfahrt |