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Europas Nachhaltigkeitsmodell: Was der EU-Aktionsplan für Investoren bedeutet


23.11.22 14:58
Amundi

Paris (www.fondscheck.de) - In einer aktuellen Publikation erläutern Tegwen Le Berthe (Head of ESG Scoring & Methodology), Timothée Jaulin (Head of ESG Development & Advocacy, Special Operations), Florent Deixonne (Head of ESG Regulatory Strategy) und Viola de Vecchi (ESG Advocacy Analyst) von Amundi, welche Folgen der EU-Aktionsplan "Finanzierung nachhaltigen Wachstums" für Investoren hat, wie die EU-Regulierung als weltweites Modell gelten kann und welche praktischen Hürden es für Investoren noch zu überwinden gilt.

Die Notwendigkeit, Kapital zu mobilisieren, um den Übergang zu einer gerechteren, CO2-neutralen Wirtschaft zu beschleunigen, sei noch nie so akut gewesen und der EU-Aktionsplan: "Finanzierung nachhaltigen Wachstums" als Teil des europäischen Green Deals noch nie so relevant wie jetzt.

Trotz vieler kurzfristiger Herausforderungen dürfte der Aktionsplan die Aktivierung nachhaltiger Finanzmittel beschleunigen und damit die Führungsrolle der EU stärken. Er könnte als Modell für Regulierungsbehörden weltweit dienen, die nach einem standardisierten Ansatz für nachhaltige Finanzmittel suchen würden. Die Finanzmarktteilnehmer sollten aus Sicht der Experten von Amundi dieser Initiative positiv gegenüberstehen, da sie Anlegern, Finanzinstituten, Unternehmen und Emittenten Klarheit und Transparenz in Bezug auf eine Vielzahl von Nachhaltigkeitsmaßnahmen verschaffe. Letztlich ermögliche dies Fondsgesellschaften und Anlegern, fundierte Entscheidungen über nachhaltige Investitionen zu treffen.

Zum Hintergrund: Der EU-Aktionsplan: "Finanzierung nachhaltigen Wachstums" sei 2018 als Teil des europäischen Green Deals im Einklang mit dem Pariser Abkommen von 2015 und der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung erstellt worden. Der Plan habe die Klimaziele der EU erhöht und ziele darauf ab, dass die EU bis 2050 klimaneutral werde. Er sei inzwischen durch die EU-Strategie 2021 zur Finanzierung des Übergangs zu einer nachhaltigen Wirtschaft ergänzt worden.

Der EU-Aktionsplan: "Finanzierung nachhaltigen Wachstums" habe drei Hauptziele: Neuausrichtung der Kapitalflüsse hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft, Einbettung der Nachhaltigkeit in das Risikomanagement und Förderung von Transparenz und Langfristigkeit.

Das Ganze beinhalte sowohl Herausforderungen als auch Chancen für die Finanzbranche. Politische Entscheidungsträger, Finanzmarktteilnehmer und Unternehmen müssten den Plan und die Regeln dahinter umsetzen. Außerdem müssten noch diverse Standards festgelegt werden, beispielsweise für europäische Green Bonds durch die EU-Kommission.

Der Rechtsrahmen des EU-Aktionsplans sei komplex. Da er aus mehreren Bausteinen bestehe, sei es für die Akteure schwierig zu verstehen, welche Komponente für wen gelte. Um Anlageexperten auf dem neuesten Stand zu halten, müsse ein Unternehmen zum Beispiel interne ESG-Datenintegrationssysteme, ESG-Schulungsinstrumente und -plattformen entwickeln und aktualisierte Inhalte abteilungsübergreifend austauschen.

Aufgrund der unterschiedlichen Zeitpläne für die ESG-Regulierungen seien die Finanzmarktteilnehmer mit einem konkreten Umsetzungsproblem konfrontiert. Während einige Vorschriften sofort anzuwenden seien, würden andere länger für die vollständige Umsetzung benötigen. So werde beispielsweise die Taxonomie-Verordnung schrittweise eingeführt.

Die Finanzmarktteilnehmer stünden vor dem Problem der Datenverfügbarkeit, weil sie über Themen berichten müssten, für die es noch keine Daten gebe. So müssten sie beispielsweise den Grad der Nachhaltigkeit ihrer Produkte offenlegen, auch wenn die Unternehmen, in die sie investieren würden, noch nicht verpflichtet seien, dies selbst zu tun. Zahlen und Daten könnten aktuell den Erwartungen der Regulierungsbehörden nicht vollständig entsprechen. In dieser ersten Phase der Umsetzung der gesamten EU-Taxonomie müssten sich die Finanzmarktteilnehmer im Wesentlichen noch auf geschätzte Daten verlassen. Künstliche Intelligenz und besseres Datenresearch seien aber bereits auf dem Vormarsch, um die Verlässlichkeit der Daten zu optimieren.

Die europäischen Aufsichtsbehörden hätten im September der Europäischen Kommission weitere Fragen zur Auslegung der Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) vorgelegt. Unterschiedliche Auslegungen von Schlüsselbegriffen, wie z.B. "nachhaltige Investition", könnten erhebliche Auswirkungen auf Fondsmanager haben, die sich verpflichten würden, bis Ende Dezember 2022 einen Mindestanteil in nachhaltige Investitionen zu investieren.

So bestünden nach wie vor akute Auslegungsprobleme, so auch bezüglich Verbindungen zwischen der Definition von nachhaltigen Investitionen, dem Ziel und deren Wirkung.

Trotz der operativen Herausforderungen biete der EU-Aktionsplan mittel- bis langfristig zahlreiche Chancen für den Finanzsektor. Mit dem Aufkommen der ESG-Integration in die Analyse und Entscheidungsfindung bei Investitionen und deren durchgängiger Berücksichtigung würden die Finanzmärkte einen tief greifenden Wandel durchlaufen, der mit einer enormen Nachfrage einhergehe.

Obwohl die Vorschriften des EU-Aktionsplans per Definition europäisch seien, hätten sie globale Auswirkungen. Investment-Kunden weltweit könnten sich also zukünftig daran orientieren, was zum Beispiel ein nach Artikel 8 oder 9 der EU-Offenlegungsverordnung klassifiziertes Finanzprodukt leisten müsse. Darüber hinaus würden diese Vorschriften die Mobilisierung nachhaltiger Finanzmittel beschleunigen, die Führungsrolle der EU in diesem Bereich stärken und als Modell für Regulierungsbehörden weltweit dienen.

Die Umsetzung des Aktionsplans habe bereits einige positive Auswirkungen auf die Entwicklung eines nachhaltigen Finanzwesens, da die Finanzmarktteilnehmer ihre Strategien und Transparenzstandards verbessert hätten, um den Regeln zu entsprechen. Die nachhaltige Finanzwirtschaft entwickele sich von einer Nische zu einem standardisierten und regulierten Umfeld. In einer Zeit, in der ESG- und nachhaltige Finanzpraktiken verstärkt unter die Lupe genommen würden, sollte der EU-Aktionsplan: "Finanzierung nachhaltigen Wachstums" als Leuchtturm für mehr Transparenz und verbesserte Standards dienen. (23.11.2022/fc/n/s)