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NEWS - Marktberichte
www.fondscheck.de
03.08.15 15:20
August 2015: Die Stimmung ist schlechter als die Lage

Wangen (www.fondscheck.de) - Die Anleger machen sich Sorgen über Sorgen, so die Experten von GECAM.

Nach dem Dauerstress-Theater mit Griechenland, das die Kreativität der politischen Eurozone in der Beugung mit den selbst auferlegten Regeln bis aufs Äußerste ausgereizt habe, würden sich die Märkte neue mögliche Risikoherde suchen, die zum nächsten Weltuntergang führen könnten und eine Nichtinvestition in sinnvolle, strategische Anlagen rechtfertigen würden.

Die Griechenland-Angst sei also zunächst in den Hintergrund getreten. Wohlgemerkt sei sie nicht verschwunden oder gar gelöst - im August seien rund 5 Mrd. Euro fällige Staats- und Geldmarktpapiere zurückzuzahlen und die Verhandlungen über ein drittes Hilfsprogramm hätten gerade erst begonnen. Sei's drum, die Musik spiele gerade in China.

Das bevölkerungsreichste Land der Erde habe eine unglaubliche Wachstumsgeschichte über mehrere Jahrzehnte hinter sich. Der Wert aller in einem Jahr produzierten Waren und Dienstleistungen (BIP) habe sich von 356 Mrd. US-Dollar im Jahr 1990 auf rund 10.360 Mrd. Dollar verdreißigfacht(!) und das Land zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde gemacht. Dass ein Wirtschaftsvolumen von über zehntausend Milliarden Dollar nicht dauerhaft mit Wachstumsraten zwischen sieben und zehn Prozent steigerbar sei, erkläre sich jedem, der im Besitz eines Taschenrechners sei, von selbst.

Wüchse die Wirtschaft in China weiter um sieben Prozent (was sie aktuell noch tue), hätte sie in 2025 die USA locker überholt und in 20 Jahren würde sie - ceteris paribus - die Hälfte der Weltwirtschaft ausmachen. Die nachlassende Dynamik in China, über welche die Medien nahezu täglich lamentieren, ist also nicht negativ, sondern logisch - wir werden uns natürlich an Wachstumsraten von sechs, fünf und vier Prozent in den nächsten Jahren gewöhnen, so die Experten von GECAM.

Wichtig sei in diesem Zusammenhang, dass China auch mit geringeren prozentualen Wachstumsraten nominal weiter exponentiell wachse. Das heiße eine Wachstumsrate von 10 Prozent im Jahre 2003 habe einen Gegenwert von 187 Mrd. Dollar gehabt. Voraussichtlich 6,8 Prozent Wachstum in diesem Jahr, hätten jedoch einen Gegenwert von 722 Mrd. Dollar (!), da die Ausgangsbasis viel höher sei. Anders ausgedrückt könnte man sagen: China wachse jährlich um mehr als die Gesamtwirtschaft Belgiens (530 Mrd. USD).

Natürlich gebe es in einem Land, das so einen starken Wandel hinter sich habe auch Verwerfungen, strukturelle Probleme und Unzufriedenheit. Zum Prozess der Öffnung einer ursprünglich planwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft in Richtung Marktwirtschaft würden selbstverständlich auch Blasen in diversen Teilmärkten wie Immobilien- oder Aktienmärkten gehören. Leider werde in der täglichen Berichterstattung oft sehr einseitig - nämlich negativ und meist unsachlich - berichtet.

Ja, es habe einen Aktienmarkt-Crash im Juni/Juli gegeben - Shanghai Composite Index -35 Prozent, aber dass der Index zuvor um rund 150 Prozent in einem Jahr gestiegen sei und per Jahresanfang immer noch knapp 15 Prozent im Plus liege, werde nicht erwähnt - eine normale Korrektur also. Und die Negativ-Mühlen würden weiter mahlen. Die neue These der letzten Wochen laute: Da China mittlerweile die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sei und eine Vernichtung von vier Billionen US-Dollar am Aktienmarkt deutlich negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben müsse, würde auch die Weltwirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen.

Erstens sei das Kapital, welches tatsächlich vernichtet worden sei, in den Monaten zuvor in viel größerem Umfang durch die Aktienhausse erst geschaffen worden. Zweitens sei sowohl der Kursanstieg als auch die Korrektur so schnell vonstatten gegangen, dass keine breiten Bevölkerungsschichten und großes internationales Kapital betroffen seien. Drittens mache der Aktienanteil in China nur rund 6,5 Prozent des privaten Vermögens aus. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft dürften also sehr begrenzt sein und wenn dann positiv, stehe doch der SSE immer noch rund 70 Prozent höher als im Sommer letzten Jahres.

Abschließend solle nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Konjunktur im Land der Mitte gar nicht so schlecht präsentiere. Das BIP sei im 2. Quartal immer noch mit 7 Prozent gewachsen und auch die jüngste Serie von Realindikatoren (Einzelhandel, Industrie, Außenhandel) sei durch die Bank besser ausgefallen als von den Auguren erwartet. Selbst im Immobilienmarkt scheine der Preisverfall gestoppt und die Indikatoren würden nach oben drehen.

Ein weiterer angeblicher Grund zur Sorge sei die Angst vor einer Zinswende in den USA, also vor einer Erhöhung der Leitzinsen erstmals seit dem Jahr 2004. Seit der sukzessiven Beendigung des letzten Anleihenkaufprogramms der US-Notenbank im Laufe des Jahres 2014, würden Zinserhöhungs-Fantasien durch die Investoren-Welt geistern, meist sogar geschürt von der Notenbank selbst.

Zweifellos laufe es sehr gut in vielen Bereichen der Wirtschaft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Umsatzzahlen der wiederverkauften Häuser seien im Juni auf ein 8-Jahres-Hoch gestiegen, die Frühindikatoren würden zulegen und eine weitere Belebung der Konjunktur im 3. Quartal andeuten, der Arbeitsmarkt sei stark - die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung seien auf ein 42-Jahres-Tief gefallen. Auch die Berichte der Unternehmen zum 2. Quartal lägen bis jetzt rund drei Prozent über den Erwartungen. Viele gute Gründe also für die Notenbank eine Normalisierung der Geldpolitik einzuleiten.

Doch leider gebe es da auch ein paar Kratzer in der Rosaroten-Brillen-Betrachtung. So würden sich die Löhne immer noch unterdurchschnittlich entwickeln, auch die Arbeitslosenquote - nach europäischen Maßstäben berechnet - läge nicht bei 5 sondern eher bei 10 Prozent. Der starke US-Dollar blase den multinational agierenden US-Unternehmen kräftig ins Gesicht. Sowohl das Umsatzwachstum als auch das Gewinnwachstum würden gegen Null tendieren. Durch die weltweit weiter fallenden Rohstoffpreise komme auch kein wirklicher Inflationsdruck auf.

Die Federal Reserve sei also in der komfortablen Lage, die Zinsen erhöhen zu können, aber nicht unbedingt zu müssen. Die Experten würden meinen, dass die schon seit so langer Zeit geschürte Debatte über einen Zinsschritt im Endeffekt mehr Verunsicherung und somit Geld gekostet habe, als eine tatsächliche stattgefundene Erhöhung. Da der Hauptgrund für die Erhöhungsabsichten aus Sicht der Experten vor allem prophylaktischer Natur sei - man wolle für zukünftig schlechtere Zeiten gewappnet sein, um die Zinsen wieder senken zu können - wäre es gut einfach Fakten zu schaffen. Börsen könnten sowieso mit Fakten besser umgehen als mit unsicheren Erwartungen.

Nun sei es also wieder August. Die Quartalszahlen der wichtigsten Unternehmen seien verkündet und somit würden die wichtigsten Parameter für den Aktienmarkt - die Zahlen der Unternehmen - als Impulsgeber wegfallen. Viele Entscheider großer Kapitalsammelstellen wie Versicherer, Pensionskassen, Stiftungen, Vermögensverwalter seien im Urlaub bzw. hätten ihr Portfolio so aufgestellt, dass man nicht unbedingt zum Handeln gezwungen sei. Auch die Politik ruhe in vielen Teilen oder werde durch die ein oder andere sportliche These im sogenannten Sommertheater etwas belebt.

Es könnte also ruhig zugehen im Börsensommer, wenn, ja wenn da nicht die Erfahrungen aus den letzten Jahren wären. Allen voran der Sommer des Jahres 2011, als exakt am 1. August nachmittags die schärfste Baisse nach der Finanzkrise losgetreten worden sei und zum Beispiel den deutschen Leitindex innerhalb von drei Wochen um fast 30 Prozent in den Boden gerammt habe. Sicher, die realwirtschaftliche Lage sei damals weitaus fragiler gewesen als heute, nichtsdestotrotz seien die Anleger gebrannte Kinder und eine sich verselbständigende Bewegung in der umsatzschwächsten Zeit des Jahres sei immer möglich.

Wie auch immer der Sommer sich entwickele, die Experten würden die Aktienmärkte in Europa, Japan und auch China für attraktiv vor dem Hintergrund des Zinsniveaus, der günstigen Rohstoffpreise und der exportfördernden Wirkung der jeweiligen Währungen halten. US-Unternehmen seien eher ambitioniert bewertet, dazu komme der bremsende Effekt des starken Dollars, sodass dortige Investments im Rahmen einer Basisanlage zwar immer Sinn machen würden, diese sollten jedoch unterdurchschnittlich dimensioniert sein. Rohstoffinvestments und Anlagen in rohstoffproduzierenden Volkswirtschaften stünden die Experten distanziert gegenüber.

Sollten im Rahmen eines "technischen Sommer-Unfalls" größere Kursrückgänge an den genannten Börsen zu verzeichnen sein, so würden die Experten diese als gute Kaufgelegenheit klassifizieren. Auch ohne größere Bewegungen seien Käufe im unsicheren August keine schlechte Sache gewesen. In 80 Prozent der Fälle habe man beim Kauf Mitte August ein positives Jahresendergebnis erzielt. (03.08.2015/fc/a/m)


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