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23.05.16 11:50
Die EU ist Großbritanniens kleinstes Problem

Kopenhagen (www.fondscheck.de) - "Hinter dem Brexit-Referendum steckt eine ordentliche Portion Ironie, da nach meiner Auffassung Großbritannien nie der EU beigetreten ist", sagt Steen Jakobsen, Chefvolkswirt und CIO bei der Saxo Bank.

Als ein Kind der 1970er und 1980er Jahre erinnere er sich daran, wie die damalige Premierministerin Margaret Thatcher die Bildung der EU mit allen Mitteln bekämpft und letztendlich ein Modell nach ihren Wünschen bekommen habe. Eine noch größere Ironie beinhalte dabei der Deal, den der aktuelle Premierminister David Cameron vor einigen Monaten mit der EU in Brüssel ausgehandelt habe, um die Voraussetzungen für einen EU-Verbleib zu schaffen. "Damit hat die Europäische Union de facto rechtlich ein zweigleisiges Europa geschaffen, mit einem Regelwerk für Großbritannien und einem Regelwerk für Resteuropa", sage Jakobsen.

Ungeachtet des Referendum-Ausgangs am 23. Juni könnte die britische Sonderrolle an sich zu einer Mini-Krise in Europa führen. "Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Länder wie Ungarn, Polen oder sogar Finnland solche Deals mit der EU wünschen, die ihnen wie im Falle Großbritanniens Sonderrechte zusichern", sage Jakobsen. "Egal ob Großbritannien nun aufgrund des zweigleisigen Präzedenzfalles in der EU bleibt, oder für den Austritt stimmt: In beiden Fällen verliert Europa", so Jakobsen weiter. Sowohl die politischen als auch die finanziellen Kosten würden unüberwindbar scheinen. Insbesondere, da die Flüchtlingskrise bei weitem noch nicht gelöst sei.

Die Zukunft Großbritanniens hänge aber nicht vom Brexit ab, sondern davon, wie das Königreich mit seinem chronischen Doppeldefizit umgehen werde. "Zum letzten Mal konnte das Land 1982 eine positive Leistungsbilanz vorweisen", sage Jakobsen. Um die Frage danach zu beantworten, wie sich das Britische Pfund entwickeln werde, sei einfach: Mit oder ohne Brexit, der Sterling werde sich nach unten oder seitwärts bewegen. Solange das Land mehr ausgebe als einnehme, von ausländischen Investitionen abhängig sei und die zwei Wachstumstreiber aus dem Banken- und Immobiliensektor bestünden (zwei Sektoren mit null Produktivität und einer unsicheren Zukunft bezüglich neuer Arbeitsplätze), sei das Land dazu verdammt, seine jüngere Geschichte zu wiederholen.

"Der Brexit ist eine Abstraktion, die die richtigen Veränderungen, die das Land braucht, verdeckt. Er ist auch eine Ausrede dafür, sich nicht mit den fundamentalen und strukturellen Problemen einer Gesellschaft auseinanderzusetzen zu müssen, die darauf zusteuert, eine nahezu hundertprozentige Dienstleistungsgesellschaft zu werden", sage Jakobsen. Eine Steuerreform und somit neue Anreize seien viel wichtiger als Großbritanniens EU-Status. "Ich möchte damit den Stellenwert des Referendums nicht herunterspielen, aber es hat weniger mit der Zukunft der britischen Wirtschaft zu tun, als mit der Rolle Großbritanniens in Europa", sage Jakobsen abschließend. (23.05.2016/fc/a/m)


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